CHAMPIONS LEAGUE

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Los Tioz
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Re: CHAMPIONS LEAGUE

Beitragvon Los Tioz » 23.08.20 @ 12:17

Das schmutzigste CL-Finale der Geschichte

Katar verletzt Menschenrechte und will mit dem Champions-League-Endspiel sein Image aufpolieren. Paris St. Germain gehört dem Emirat komplett, Bayern München macht munter Geschäfte mit dem Wüstenstaat. So wird das Finale zum schmutzigsten seiner Geschichte.

Kaum jemand freut sich so auf das Finale der Champions League wie die Fluggesellschaft Qatar Airways. Die Welt werde "zum Stillstand" kommen, wenn "unsere beiden Partner" um den Henkelpott spielen, jubelt das Staatsunternehmen aus Katar auf Twitter - und ruft das Endspiel zum "Qlassico" aus, dem "Classico" mit einem Q für "Qatar" an erster Stelle. In Lissabon wird der Fußball endgültig zum Spielball eines Landes, in dem sonst vor allem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. In Paris St. Germain und Bayern München treten ein staatliches Projekt des Emirats am Persischen Golf und ein diesen Staat hofierender Klub gegeneinander an: Das Finale der Königsklasse ist beschmutzt.

PSG - 2011 von der staatlichen Firma Qatari Sports Investments übernommen - ist nicht weniger ein Agent der katarischen Soft Power. Ein Teil eines umfassenderen Versuchs, das Image des Emirats durch Sport zu verbessern und den Wüstenstaat bekannter und anerkannter zu machen. Die katarischen Eigentümer träumten immer vom großen europäischen Triumph, der jetzt mit dem Einzug ins Champions-League-Finale bereits teilweise gelungen ist. Der Staat mit einer miserablen Menschenrechtsbilanz hat es geschafft, sich in das weltweit wichtigste Spiel des Vereinsfußballs einzukaufen. Selbst nach modernen Maßstäben des Sports ist das Königsklassen-Endspiel damit stärker befleckt als jemals zuvor.

Denn auch der FC Bayern baut seine Kooperation mit dem Emirat nach und nach aus. Jahr für Jahr fahren die Münchner ins Trainingslager nach Doha, hofieren damit die Machthaber, die sich dank der weltweiten Popularität des Rekordmeisters als weltoffene Gastgeber darstellen können. Es folgte der Sponsoren-Deal mit dem Hamad International Airport (auf dem es sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse gab) und seit der Saison 2018/19 ist Qatar Airways (für diskriminierenden Umgang mit Mitarbeitern bekannt) ein Premium-Partner samt Ärmel-Werbung, die den Bayern zehn Millionen Euro pro Jahr einbringt.

Der perfide Plan geht auf
Paris und München gewähren also einem Staat Einlass in das größte Vereinsfußballspiel der Welt, in dem Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht mal auf dem Papier annähernd existiert, Menschen aufgrund ihrer Religion, sexueller Selbstbestimmung oder sexueller Orientierung diskriminiert werden und in dem die Ausbeutung von Migrationsarbeitern systematisch betrieben wird. Das diesjährige CL-Finale darf daher nicht kommentarlos über die Bühne gehen. In Katar selbst könnte man es nicht kritisieren: Freie Meinungsäußerung, ein internationaler Menschenrechtsstandard, wird dort stark eingeschränkt. Frauen werden durch Gesetze und im Alltag benachteiligt und das Strafmündigkeitsalter liegt bei sieben Jahren.

"Sportswashing" nennt sich die Strategie von Unrechtsstaaten, sich international mittels Sportveranstaltungen und -mannschaften als Saubermänner zu präsentieren. Katar, auch der Gastgeber der Fußball-WM 2022 und der Leichtathletik-WM 2019, versucht über seine Menschenrechtsverletzungen hinwegzutäuschen und seine Vergehen zu vertuschen, indem es viel Geld in Fußballmannschaften investiert - und mit PSG sogar ein Team komplett aufkauft. Das Emirat versucht durch Bayern München und den Pariser Klub also sein Image reinzuwaschen, zieht so vermehrt Investoren ins Land und erlangt zu Unrecht eine bessere Reputation auf der internationalen Bühne. Das Finale der Champions League ist die ultimative Bühne.

Der perfide Plan geht auf: Denn auch wenn Geld den Fußball schon länger dominiert, diese Situation - ein staatliches Projekt tritt in der größten Nacht des Klubfußballs gegen ein Team an, das vom gleichen Staat gesponsert wird an - ist niemals dagewesen. Sie verunreinigt die sportlich so hochinteressante Begegnung, aber Menschenrechte sind rund um das Finale kein Thema. Dabei darf das Spiel nur in diesem Kontext betrachtet werden. Ansonsten unterstützen Spieler, Medien und Zuschauer das katarische Sportswashing und werden ein Teil des Problems.

Die Offiziellen der Vereine sind dies längst geworden. Man würde gerne von den Funktionären aus Paris oder München hören und sehen, dass sie die Menschenrechtsvergehen Katars öffentlich ansprechen und kritisieren. Aber wenn die Millionenbeträge aufs Konto flattern, dann wird bei solchen Themen weggeschaut und die Klappe gehalten. Hand auf, Geld rein, Mund und Augen zu. Auch die Spieler, die sich in den sozialen Medien sonst gerne sprechen hören und beim Thema Black Lives Matter richtige und wichtige Botschaften aussandten, dürften in Bezug auf Katar ruhig mal den Mund aufmachen. Es wäre ein starkes Signal am Finaltag, wird aber sicherlich nicht passieren.

Denn Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge ist sogar der Meinung, dass seit der Partnerschaft mit Katar die Dinge im Land verbessert hätten. Franz Beckenbauer war schon 2013 der Meinung: "Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Ich weiß nicht, woher diese Berichte kommen." Die Analysen von Human Rights Watch und Amnesty International beweisen, dass beides Quatsch ist. Die Aussage Rummenigges diskreditiert auch die akribische, langjährige und mühsame Arbeit von Menschenrechtsorganisationen, die in Katar für ihre Ziele kämpfen, anstatt einmal im Jahr vor Ort in die Kamera zu winken und mit frisch gefülltem Geldbeutel und einer funkelnden, aber unverzollten Rolex am Handgelenk die Rückreise anzutreten.

Wenn die fußballerischen Schwergewichte am Sonntagabend (21 Uhr/ZDF, Sky, Dazn und im Liveticker auf ntv.de) im Estádio da Luz in Lissabon in den Ring steigen, verschwinden die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen des Wüstenstaats im blendenden Licht der unzähligen Scheinwerfer. Und letztlich spielt es keine Rolle, wie das Endspiel ausgeht. Denn einer der Gewinner ist bereits im Vorfeld Katar. Das Emirat reibt sich die Hände und zeigt, dass man sich Glanz und Gloria ohne Hinderlichkeiten kaufen kann, egal wofür man steht. Das Königsklassen-Finale wird damit zum schmutzigsten seiner Geschichte.

Die Gewinner auf dem Rasen, ob nun Kylian Mbappé und Neymar oder Thomas Müller und Robert Lewandowski, sie werden im Anschluss gemeinsam feiern, mit ihren Familien telefonieren und diese bald darauf glücklich in den Arm nehmen. Nie wieder umarmen können allerdings seine zwei Kinder den katarischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Fahd Bohendi. Der Familienvater, mit Mitte 30 nur wenig älter als die Neymars und Müllers, wurde nur knapp vier Monate vor dem Finale der Champions League in einem Gefängnis in Katar zu Tode gefoltert. Seine Familie durfte ihn nicht begraben.

Ein Verlierer steht somit ebenfalls fest, bevor das Finale überhaupt angepfiffen wird: die Menschenrechte.

https://www.n-tv.de/sport/fussball/Das- ... 88883.html
Fussball ist ein Way of Life, etwas, das Aussenseiter nie verstehen werden, etwas, von dem die Medienvertreter gerne fehlerhaft und skandalträchtig aus der Geborgenheit ihrer plüschbesesselten Büros berichten - ohne jegliches Verständnis der Realität.

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Kiyomasu
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Re: CHAMPIONS LEAGUE

Beitragvon Kiyomasu » 23.08.20 @ 12:37

Sehr guter Artikel.

Victor Jara
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Re: CHAMPIONS LEAGUE

Beitragvon Victor Jara » 23.08.20 @ 13:47

Los Tioz hat geschrieben:Das schmutzigste CL-Finale der Geschichte

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Denn Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge ist sogar der Meinung, dass seit der Partnerschaft mit Katar die Dinge im Land verbessert hätten. Franz Beckenbauer war schon 2013 der Meinung: "Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Ich weiß nicht, woher diese Berichte kommen." Die Analysen von Human Rights Watch und Amnesty International beweisen, dass beides Quatsch ist. Die Aussage Rummenigges diskreditiert auch die akribische, langjährige und mühsame Arbeit von Menschenrechtsorganisationen, die in Katar für ihre Ziele kämpfen, anstatt einmal im Jahr vor Ort in die Kamera zu winken und mit frisch gefülltem Geldbeutel und einer funkelnden, aber unverzollten Rolex am Handgelenk die Rückreise anzutreten.

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Ein Verlierer steht somit ebenfalls fest, bevor das Finale überhaupt angepfiffen wird: die Menschenrechte.

https://www.n-tv.de/sport/fussball/Das- ... 88883.html



Die deutschen offiziellen sind richtige Floskelweltmeister, wenn es um die Verharmlosung von brutalen Diktaturen im Zusammenhang mit Sport geht. Nur zwei Beispiele aus längst vergangenen Tagen, die mir aber zeitlebens in Erinnerung bleiben werden, weil ich mich so sehr über den dahinter steckenden Zynismus empört hatte:

Chile 73
Der ehemalige CDU-Generalsekretär Bruno Heck hat kurz nach dem Putsch 1973 des KZ-Stadion in Chile besucht: Er fand sinngemäss, dass der Aufenthalt im Stadion bei Sonnenschein recht angenehm sei. Das, während im Keller des Stadions die Allende-Anhänger zu Tode gefoltert wurden.
Das damalige KZ-Stadion heisst übrigens heute Victor Jara Stadion. Ich habe meinen Avatar bewusst so gewählt, um diesem grossartigen Musiker zu gedenken, der vermutlich im Stadion ermordert wurde. Aber gesichert ist das nicht, nur dass er von der Junta brutal gefoltert wurde. Man hat ihm als erstes die Handgelenke gebrochen, damit er nie wieder Guitarre spielen kann...

WM 74 Ein Jahr später bei der WM 74 hatte sich die evangelische Studentengemeinde Tickets zum Spiel Deutschland - Chile besorgt und mit einem Transparent auf die Zustände in der Pinochet-Diktatur aufmerksam gemacht. Selbstredend hat die Polizei eingegriffen und die Störung entfernt. Allgemeine Empörung, wie kann man nur den "heiligen Sport" mit Politik beschmutzen, beide Sachen haben ja nichts miteinander zu tun.

WM 78 die deutsche Mannschaft wurde verschiedentlich aufgefordert, sich zur Diktatur und den Menschenrechtsverletzungen in Argengtinien zu äussern (die beliebteste Methode Leute zum Verschwinden zu bringen: Mit dem Heli über das Meer und dort die Leute bei vollem Bewusstsein ins Meer kippen). Berti Vogts meinte sinngemäss und stellvertretend für die deutsche Elf, dass ihn das Alles nichts angehe, er käme nur zum Fussballspielen. Einzig der Bayern-Goalie Sepp Maier hat sich kritisch geäussert und seine Betroffenheit über die Menschenrechtsverletzungen gezeigt.
Mein 1. Matchbesuch im Letzi am 04.09.1966 vor 11'000 Z: YF - GC 1:0 und FCZ - Biel 5:0...Dank an http://www.dbfcz.ch
Tommie Smith - John Carlos - Muhammad Ali- Vincent Matthews - Wayne Collett - Colin Kaepernick - Megan Rapinoe - Milwaukee Bucks

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trellez
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Re: CHAMPIONS LEAGUE

Beitragvon trellez » 23.08.20 @ 15:14

Victor Jara hat geschrieben:... Berti Vogts meinte sinngemäss und stellvertretend für die deutsche Elf, dass ihn das Alles nichts angehe, er käme nur zum Fussballspielen...


Von ihm kam damals auch der berühmte Satz "Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen."
Wer spät zu Bett geht und früh heraus muss, weiss, woher das Wort Morgengrauen kommt. (R. Lembke)

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Los Tioz
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Re: CHAMPIONS LEAGUE

Beitragvon Los Tioz » 23.08.20 @ 17:47

Noch ein weiterer Artikel zu Katar, dieser spezifisch über die Bayern. Auch die von Victor Jara erwähnte WM78 in Argentinien wird kurz thematisiert (danke übrigens für die Hintergrundinfos zu Chile, das war mir nicht bekannt!).
Das ganze zeigt mir einmal mehr, warum mir die Champions League mittlerweile komplett am Arsch vorbei geht und ich die Spiele kaum noch schaue (wenn dann nur im Free TV, würde nie nur einen Rappen für so ein Spiel zahlen):

https://11freunde.de/artikel/katarstimm ... ttansicht=

Katar­stim­mung

Vor dem Cham­pions-League-Finale gegen PSG stehen auch Bay­erns Bezie­hungen zu Katar im Blick­punkt. Die werden von Jahr zu Jahr inniger. Aber auch die Kritik aus der Fan­szene nimmt zu.

Will­kommen im Para­dies, hier gibt es alles. Gutes Wetter und glit­zernde Shop­ping­malls. Einen saftig grünen Rasen, der, so sagte Uli Hoeneß mal, mit der Nagel­schere geschnitten wird. Gast­freund­schaft und manchmal auch Gast­ge­schenke. Ein Luxus­hotel mit Luxus­aus­blick auf sieben Luxus­trai­nings­plätze. Wenn Mit­ar­beiter des FC Bayern auf dem haus­ei­genen You­tube­kanal über diesen Ort spre­chen, schwärmen sie von den ​„her­vor­ra­genden Trai­nings­be­din­gungen“, und dem Zuschauer werden als Beweis Bilder von trai­nie­renden und gut gelaunten Fuß­ball­profis gezeigt. Es könnten Image­film­chen für Unter­nehmen von Well­ness­pro­dukten oder für Rei­se­an­bieter von Aktiv­ur­lauben sein; alles ist schön weich­ge­zeichnet und in Zeit­lupe geschnitten, dazu erklingt leicht ver­dau­liche Instru­men­tal­musik, die man aus vor­abend­li­chen Info­tain­ment-Sen­dungen im Pri­vat­fern­sehen kennt. Will­kommen im Para­dies.

Seit neun Jahren geht das so. Seit neun Jahren, immer im Januar, fliegt der größte Klub der Welt ins reichste Land der Welt, um sich in der Aspire Aca­demy auf die Rück­runde der Bun­des­liga vor­zu­be­reiten.

Sys­te­ma­ti­sche Aus­beu­tung und Zwangs­ar­beit
Beim ersten Mal, 2011, schien das kaum jemanden zu stören. In der Presse las man die übli­chen Win­ter­lochstorys, Test­spiele hier, Trans­fer­blabla da, und Stefan Effen­berg und Mario Basler durften Anek­döt­chen über ihre Zeit im Wüs­ten­staat erzählen. Ein biss­chen Kopf­schüt­teln höchs­tens dar­über, dass hier, in der Hitze, bald eine WM statt­finden soll. Das war’s im Grunde.

2013 erschien dann die erste große Doku­men­ta­tion über die Lebens- und Arbeits­be­din­gungen von Migranten in Katar. Sie sorgte inter­na­tional für Auf­sehen. Reporter des ​„Guar­dian“ hatten her­aus­ge­funden, dass jedes Jahr hun­derte Arbeiter auf den WM-Bau­stellen sterben. Sie zeigten Men­schen aus Nepal, Ban­gla­desch oder Indien, die wie Mil­lionen andere als Hilfs­kräfte auf die ara­bi­sche Halb­insel gebracht worden waren, weil kaum einer der 300 000 Katarer selbst die so ver­pönte prak­ti­sche Arbeit oder gewöhn­liche Dienst­leis­tungen ver­richtet. Die Wan­der­ar­beiter hausten in ver­rot­teten Zim­mern. Die Toi­letten waren über­flutet, aus den Duschen kam Salz­wasser. Die Rei­se­pässe, so erzählten sie, hatten ihnen die Arbeit­geber abge­nommen, sie waren quasi Leib­ei­gene, oft nicht mal bezahlt. Amnesty Inter­na­tional berich­tete im selben Jahr in einem 153-sei­tigen Report von sys­te­ma­ti­scher Aus­beu­tung und Fällen von Zwangs­ar­beit.

Nun fragten auch andere Jour­na­listen, warum der FC Bayern in dieses Land reist, ohne davon zu erzählen, und in der Süd­kurve, wo die treu­esten Anhänger des deut­schen Rekord­meis­ters stehen, hingen Trans­pa­rente mit kri­ti­schen Bot­schaften. Auf einem stand: ​„Kapital > Moral?“

Die Groß­kop­ferten des FC Bayern ant­worten bis heute latent genervt auf das Thema. ​„Bayern ist nicht ver­ant­wort­lich für Katar“, sagte Karl-Heinz Rum­me­nigge, der das Trai­nings­lager außerdem mal mit Aber­glauben recht­fer­tigte. Uli Hoeneß fand wie­derum: ​„Die Arbeits­be­din­gungen sind nicht per­fekt, aber sie werden auch nicht besser, wenn wir nicht hin­fliegen und Dis­kus­sionen anstoßen.“ Denn Dis­ku­tieren würde man ja, aller­dings intern. Daher will der FC Bayern über das Thema nicht mit 11FREUNDE spre­chen. Auch die Beant­wor­tung eines schrift­li­chen Fra­gen­ka­ta­logs lehnt der Pres­se­spre­cher ab.

Dabei möchte man gerne einiges wissen. Erreicht die Ver­ant­wort­li­chen die Kritik? Gehen sie auf den Pro­test und Dia­log­wün­sche der Fans ein? Hören sie die War­nungen der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen und die Hil­fe­rufe der Wan­der­ar­beiter?

Ende Januar, kurz nach dem dies­jäh­rigen Katar-Trai­nings­lager, sitzen drei Bayern-Anhänger in einem Hin­ter­zimmer des Münchner ​„EineWelt­Haus“, ein Kul­tur­zen­trum unweit des Haupt­bahn­hofs. Sie heißen Robin, Chris­toph und Franz. Sie sind zwi­schen 24 und 31 Jahre alt. Aktive Fans nennen sie sich, sie stehen in der Süd. Mehr möchten sie nicht von sich preis­geben. ​„Es geht nicht um uns, son­dern um die Sache“, sagen sie.

„Der FC Bayern spricht gerne von Werten, von Tole­ranz, von sozialer Ver­ant­wor­tung, aber er han­delt nicht danach“
Christoph – Bayern-Fan

Dem FC Bayern sind sie lästig, viel­leicht gelten sie sogar als Nest­be­schmutzer, denn sie reden über Dinge, die Rum­me­nigge oder Hoeneß nicht öffent­lich bespre­chen möchte. In den letzten Tagen haben sie mit dem Club Nr. 12, der Ver­ei­ni­gung aktiver Bayern-Fans, im ​„EineWelt­Haus“ und in einem Ber­liner Kul­tur­haus Dis­kus­si­ons­runden ver­an­staltet. Titel: ​„Katar, Men­schen­rechte und der FC Bayern – Hand auf, Mund zu?“ Sie hätten sich auch einen Ver­treter des FC Bayern auf dem Podium gewünscht, aber der Verein reagierte wieder nicht auf ihre Ein­la­dung. Also stand dort ein leerer Stuhl mit einem Bayern-Trikot über der Lehne, ein Sym­bol­bild.

„Der FC Bayern spricht gerne von Werten, von Tole­ranz, von sozialer Ver­ant­wor­tung, aber er han­delt nicht danach“, sagt Chris­toph. ​„Dabei hat er eine inter­na­tio­nale Strahl­kraft, er könnte selbst mit kleinen Schritten so viel ver­än­dern.“ Karl-Heinz Rum­me­nigge hat genau das mal beteuert: dass sich die Situa­tion der Arbeiter in Katar durch den Fuß­ball ver­bes­sert habe. Viele Fans lachten dar­über, ein Banner mit diesem Satz hing in der Süd. Aber ist nicht auch ein Fünk­chen Wahr­heit dran? Würde jemand über Katar berichten, wenn dort keine WM statt­fände oder die Bayern nicht dorthin flögen? Die kata­ri­schen Unter­nehmen und die WM-Orga­ni­sa­toren beteuern jeden­falls, dass sich die Situa­tion für ihre Migranten ver­bes­sert habe. Das Kafala-System, nach dem es den Arbeit­ge­bern erlaubt war, die Pässe der aus­län­di­schen Arbeiter ein­zu­ziehen, sei abge­schafft worden. Die Sicher­heits­vor­keh­rungen auf den WM-Bau­stellen seien besser geworden.

Freund­schafts­spiel wäh­rend ein Blogger aus­ge­peitscht wird

Das stimme viel­leicht, sagen die drei Fans, aber was ist mit den hun­dert­tau­senden Arbei­tern abseits der WM-Orte? Auf ihrer Dis­kus­si­ons­runde in Mün­chen waren auch zwei Nepa­lesen zu Gast, die in Katar gear­beitet haben. Auch sie sagten, die Rea­lität sehe anders aus, viele Unter­nehmen hielten sich immer noch nicht an die Gesetze und die meisten Arbeiter bekämen von den Reformen gar nichts mit. Sie würden wei­terhin men­schen­un­würdig behan­delt und viele Pässe weiter ein­be­halten.

Franz, der Wort­führer der drei Fans, war mehr­mals mit den Bayern in Katar und 2015 sogar in Saudi-Ara­bien. Damals musste sich der FCB beson­ders viel Kritik anhören, denn die Mann­schaft absol­vierte ein Freund­schafts­spiel, aber selten war diese Bezeich­nung so unpas­send. Denn zeit­gleich wurde in Riad öffent­lich ein Blogger aus­ge­peitscht, der über Demo­kratie und Reli­gi­ons­frei­heit geschrieben hatte. Dop­pel­mo­ra­lisch findet Franz seine Reisen nicht. Er spreche ja über das, was er sehe. Er ziehe seine Schlüsse. Er sagt: ​„Die kata­ri­schen Vor­ge­setzten scheu­chen die aus­län­di­schen Arbeiter selbst bei extremer Hitze über die Trai­nings­an­lage. Es ist wie beim Militär.“

Auch Chris­tian Nan­del­städt, ein Bayern-Fan aus Düs­sel­dorf, war in Katar. Er hat andere Erfah­rungen gemacht – in Katar und im Dialog mit den Bayern-Bossen. Alles begann auf der Jah­res­haupt­ver­samm­lung 2016, als er eine kri­ti­sche Rede vor­trug, in der es auch um Katar ging. ​„Mir war klar, dass ich nichts erreiche, wenn ich rum­pö­bele, also hielt ich die Rede sach­lich“, sagt er. Das kam bei den Bossen gut an. Uli Hoeneß lud ihn wenige Monate später sogar zu einem Gespräch an die Säbener Straße ein, und der Verein schlug vor, dass er die Bayern-Frau­en­mann­schaft im Januar 2019 ins Trai­nings­lager nach Katar begleiten könne. Nach langer Über­le­gung (und einiger Kritik aus der Fan­szene) sagte Nan­del­städt zu. Sein Fazit: ​„Es wird alles weniger schwarz­weiß, wenn man vor Ort ist.“

Die Mit­ar­beiter des FC Bayern und Spie­le­rinnen besuchten eine Mäd­chen­schule, tauschten sich mit dem Gene­ral­se­kretär des kata­ri­schen Fuß­ball­ver­bands aus und hörten einen Vor­trag der Inter­na­tional Labour Orga­ni­za­tion (ILO). Oft hätten sie Men­schen­rechts­themen ange­spro­chen, auch wenn die lokale Presse anwe­send war. Nan­del­städt hält heute nichts mehr von einem Boy­kott, auch wenn er Katar-Reisen nach wie vor kri­tisch sieht. Der Klub, sagt er, sollte an Ver­an­stal­tungen wie der im ​„EineWelt­Haus“ teil­nehmen. Und vor allem müsse das Män­ner­team Aktionen in Katar machen – trotz des engen Zeit­plans, den täg­li­chen Trai­nings­ein­heiten, einem ewig fra­genden Jour­na­lis­ten­tross und Pflicht­ter­minen mit Spon­soren.

Aber es geht mitt­ler­weile um mehr als nur ein Trai­nings­lager, denn seit 2016 ist der FC Bayern auch kom­mer­zi­eller Partner des Staates Katar. Erst warb Katars Hamad Inter­na­tional Air­port beim FC Bayern, und seit zwei Jahren prangt das Logo von Qatar Air­ways als soge­nannter Pla­tin­partner auf dem Tri­ko­t­ärmel. Ein ​„Dream­team zum Abheben“, schreibt die Staats­linie auf ihrer Home­page. Dafür soll der Klub jähr­lich etwa zehn Mil­lionen Euro kas­sieren. Geld, das kein euro­päi­scher Sponsor zahlen kann oder will. Auch die Luft­hansa nicht, die vorher auf dem Ärmel warb.

Anfangs schien es, als wollte sich der FC Bayern nicht blind­lings auf diesen Deal ein­lassen. Vorab bat er das Bun­des­kanz­leramt um eine Ein­schät­zung zur Men­schen­rechts­lage in Katar. Das Bun­des­kanz­leramt wie­derum fragte bei Human Rights Watch nach einer Exper­tise. Die inter­na­tional tätige NGO sprach keine Boy­kott­emp­feh­lung aus, wies aber darauf hin, dass Katar immer noch ein repres­siver Staat sei und der FC Bayern seine Repu­ta­tion aufs Spiel setzen könnte. Nicholas McGeehan, damals Golf- und Katar-Experte bei Human Rights Watch, sagt: ​„Ich habe dem Klub geraten, über Themen wie Men­schen­rechte in Katar öffent­lich zu spre­chen und not­wen­digen Reformen die Unter­stüt­zung zuzu­sagen.“ Statt eines offenen Dia­logs und kri­ti­scher Selbst­re­fle­xion blieb am Ende aber nur ein Satz von Karl-Heinz Rum­me­nigge hängen: ​„Diese Part­ner­schaft ist ein wei­terer Schritt in unserer Inter­na­tio­na­li­sie­rungs­stra­tegie.“

Man sollte wissen, dass die Bayern-Granden aus einer Zeit stammen, in der Anhänger und Jour­na­listen nur eins inter­es­sierte: die Meis­ter­schaft. Es gab keine kri­ti­schen Ultras, nicht mal ner­vige Fans, die Trans­pa­rente mit Bot­schaften auf­hängten oder gar Dis­kus­sionen zu Themen wie Ras­sismus oder Men­schen­rechte orga­ni­sierten. Fuß­ball war Fuß­ball, und Politik war Politik. So trennten Profis und Funk­tio­näre etwas, das in Wahr­heit nie zu trennen war. Vor der WM 1978 in Argen­ti­nien fragte der ​„Stern“ die Natio­nal­spieler, ob sie guten Gewis­sens in ein Land reisen könnten, in dem Oppo­si­tio­nelle ver­schleppt und ermordet werden. Bochums Jupp Ten­hagen sagte: ​„Ich weiß nichts Genaues. Ich habe auch keine Mei­nung dazu.“ Duis­burgs Bern­hard Dietz: ​„In den Sport sollte man die Politik nicht rein­ziehen.“ Bay­erns Kat­sche Schwar­zen­beck: ​„I mog dazu a nix sag’n.“ Karl-Heinz Rum­me­nigge, damals 22 Jahre alt, fand wenigs­tens: ​„Ich kann nicht akzep­tieren, was da los ist – trotzdem möchte ich gerne mit­spielen.“

Eigent­lich ist es immer noch so: Rum­me­nigge möchte gerne mit­spielen. Mit den eng­li­schen Scheich­klubs und den Olig­ar­chen­ver­einen. Und so muss er ständig abwägen: Wäre der finan­zi­elle und sport­liche Schaden größer als der Image­schaden, den der Klub erleidet, wenn er, sagen wir, im Winter nach Spa­nien oder Por­tugal reisen würde?

Was Fan­pro­teste bewirken können
Einige Bayern-Fans haben wegen der Katar-Part­ner­schaft ihre Mit­glied­schaften beendet. Einer, der bei Twitter unter dem Namen ​„Baron von Agitpop“ aktiv ist, erklärte in einem offenen Brief seinen Aus­tritt: ​„Ich habe an meinen Verein höhere Ansprüche als den, in erster Linie Geld zu ver­dienen und Titel zu gewinnen.“ Auch Yalcin Imre, ein 45 Jahre alter Bayern-Fan aus Karls­ruhe, zog 2016 einen Schluss­strich. In seiner Aus­tritts­er­klä­rung schrieb er, dass der FC Bayern ​„allein mit seiner Anwe­sen­heit in Katar das Han­deln der dort Herr­schenden legi­ti­miert“. Mitt­ler­weile besucht er mit Freunden lieber Spiele in der Kreis­liga, sie nennen sich ​„Kreis­liga-Ultras“, Hashtag Sup­por­tYour­Lo­cal­Trüm­mer­truppe. Von ganz oben nach ganz unten. Aber er kann sich sicher sein, dass nie­mand als Lit­faß­säule für auto­kra­ti­sche Staaten auf­tritt. Und trotzdem: Hat es sich Imre nicht zu ein­fach gemacht? Warum suchte er nicht den Dialog wie Nan­del­städt oder den Pro­test wie die drei Fans im ​„EineWelt­Haus“? ​„Ich freue mich, wenn ich die kri­ti­schen Banner im Sta­dion sehe“, sagt er. ​„Aber ich hatte nie das Gefühl, dass man in diesem Verein gehört wird.“

Auch die drei Fans im ​„EineWelt­Haus“ fragen sich, ob ihr Enga­ge­ment über­haupt etwas bringt. Kommen zur nächsten Ver­an­stal­tung wieder 100 bis 200 Gäste, wenn sie merken, es ändert sich nichts, wenn es sich weiter anfühlt, als würde das Schweigen der Bayern immer lauter? Ande­rer­seits gebe es ja ein paar Bei­spiele, die zeigen, dass Kritik von Anhän­gern bei den Ver­einen ankommt. Malmö FF, IFK Göte­borg oder Rosen­borg Trond­heim haben in den ver­gan­genen Jahren nach Fan­pro­testen ihre Trai­nings­lager in Dubai abge­sagt. Trond­heims Medi­en­di­rektor sagte, dass die Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate weit ent­fernt seien von den eigenen Werten. ​„Mit einem sol­chen Regime wollen wir nicht in Ver­bin­dung gebracht werden.“ Ein mutiger und wich­tiger Schritt, der auch inter­na­tional Beach­tung fand. Aber, nun ja, am Ende ist es halt Rosen­borg Trond­heim und nicht der größte Verein der Welt.

Immerhin, kürz­lich hat sich der FC Bayern bewegt, er kün­digte zu dem Katar/Bayern-Kom­plex ein Round-Table-Gespräch an, an dem auch Hassan Al-Tha­wadi teil­nehmen soll, der Chef des WM-Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees. Ziel sei ein ​„Dialog, in den stell­ver­tre­tend Bayern-Fans, NGOs, die Stadt Mün­chen als WM- und EM-Standort, Poli­tiker und der Fuß­ball ein­ge­bunden werden können“. Wer die stell­ver­tre­tenden Bayern-Fans sind? Die drei Fans ziehen die Schulter hoch, sie wurden nicht ange­fragt. Chris­tian Nan­del­städt schon.
Fussball ist ein Way of Life, etwas, das Aussenseiter nie verstehen werden, etwas, von dem die Medienvertreter gerne fehlerhaft und skandalträchtig aus der Geborgenheit ihrer plüschbesesselten Büros berichten - ohne jegliches Verständnis der Realität.

Zhyrus
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Re: CHAMPIONS LEAGUE

Beitragvon Zhyrus » 23.08.20 @ 18:36

Wir haben es in der Hand! Wenn keiner den Schmarren schauen würde...

In dem Sinne: Hopp Quatar! Ob Paris oder Payern, Hauptsache P wie Pimmelkopp!

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johnny
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Re: CHAMPIONS LEAGUE

Beitragvon johnny » 23.08.20 @ 20:47

100x lieber schau ich mir eine 2:5 testniederlage gegen schaffhausen im oerliker regen an als den schmarrn heute abend.

CT
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Re: CHAMPIONS LEAGUE

Beitragvon CT » 23.08.20 @ 21:34

okay, gehört eigentlich in den beichtfred, aber:

ich llueg grad tschämpiens league und finds huere spannend.
ich bin für PSG well us prinzip gege bayern.

ich bin tief gesunken, ich gebs zu.


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