Unsere Ehemaligen...

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Don Ursulo
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon Don Ursulo » 20.08.20 @ 1:06

Schnappschuss aus Turin:
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Wer alles zu tun begehrt, was ihn gelüstet, muß entweder als König
oder als Narr geboren sein.
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fczlol
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon fczlol » 20.08.20 @ 18:34

Dwamena wechselt nach Dänemark. Schade hat er Probme mit seinem Herz!
FCZ

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Demokrit
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon Demokrit » 21.08.20 @ 10:21

Die Kritik an anderen hat noch keinem die eigene Leistung erspart. Noël Coward, britischer Dramatiker (1899 - 1973)

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Kiyomasu
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon Kiyomasu » 25.08.20 @ 10:20

Odey ist bei Guingamp (Ligue 2) und Ankaragücü (Türkei) im Gespräch.

Der wäre diese Saison auch lieber noch bei uns geblieben...

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Dave
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon Dave » 25.08.20 @ 11:35



Voila

Lucien Favre steht vor der Frage, wie er die Bayern stoppen soll. Und das mit einer blutjungen Mannschaft. Der BVB-Trainer wehrt sich gegen den Vorwurf, er könne keine Titel gewinnen, und gibt tiefe Einblicke in seine Arbeit.
17

Es gibt einige Klischees in Bezug auf Lucien Favre – die meisten stimmen nicht. Aber das vom verkopften Trainer, dem es an Temperament fehlt, ist am weitesten von der Wirklichkeit entfernt. Im Schweizer Kurort Bad Ragaz, wo Favre derzeit mit Borussia Dortmund das Trainingslager absolviert, nahm sich der Schweizer (62) für WELT AM SONNTAG viel Zeit, um über Fußball, den schwierigen Umgang mit jungen Stars und die Lehren des Lebens zu sprechen: Favre tat es mit viel Leidenschaft – und teilweise vollem Körpereinsatz.

WELT AM SONNTAG: Herr Favre, ab welchem Alter ist ein Spieler reif genug für Spitzenfußball?

Lucien Favre: Das ist keine Frage des Alters. Pelé wurde 1958 mit 17 Weltmeister, Kylian Mbappé ist vor zwei Jahren mit 19 Weltmeister geworden. Pelé war damals als 17-Jähriger auf diesem Topniveau sicher eine absolute Ausnahme – Mbappé vor zwei Jahren als 19-Jähriger schon nicht mehr so. Die Tendenz geht dahin, dass die Jungs schon viel früher zu den Profis stoßen. Und einige von ihnen erreichen auch schon viel früher Topniveau.

WELT AM SONNTAG: In Ihrer Mannschaft gibt es mit Jude Bellingham (17), Gio Reyna (17), Mateu Morey (20), Jadon Sancho (20) und Erling Haaland (20) gleich eine ganze Reihe von extrem jungen Spielern. Youssoufa Moukoko, der ab November Bundesliga spielen kann, ist sogar erst 15. Fühlen Sie sich da nicht wie ein Kindergartenleiter?

Favre: (lacht). Wir sind tatsächlich ein wenig wie eine Schule. Aber das gefällt mir, denn es sind alles gute Jungs mit sehr viel Potenzial. Bellingham zum Beispiel ist zwar erst 17, aber er hat eine sehr große Präsenz, er hat in England schon zweite Liga gespielt. Und Reyna ist für sein Alter schon ein unglaublich cleverer Spieler. Haaland hat in Österreich Bundesliga und Champions League gespielt, bevor er zu uns kam. Der BVB sucht gezielt nach solch außergewöhnlichen Talenten. Und die Jungs wissen, dass sie hier eine Chance bekommen, sich zu entwickeln und zu spielen. Wir tun als Verein sehr viel für sie. Moukoko ist sicher vom Alter her eine absolute Ausnahme – Thorgan Hazard und Marco Reus könnten fast seine Väter sein (lacht).

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Mehr als ein Notnagel: Im Juni 2018 übernahm Lucien Favre das Amt des Cheftrainers bei Borussia Dortmund
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Keine echte Liebe, aber gute Gründe für eine Bewährung
WELT AM SONNTAG: Durch die Bekanntgabe der Vertragsverlängerung mit Sancho bis 2023 und die Erklärung, dass er mindestens noch die kommende Saison in Dortmund bleiben wird, hat der BVB aufhorchen lassen. Wie froh sind Sie, mit ihm weiterarbeiten zu können?

Favre: Jadon ist ein guter Junge, und er hat tolle Fähigkeiten. Er hat sicher seinen eigenen Kopf, aber man kann auch Spaß mit ihm machen. Doch er muss auch noch einiges lernen. Das ist wichtig für seine und für unsere Zukunft. In bestimmten Situationen vergisst er noch, konzentriert zu verteidigen oder mit zurückzulaufen, um den Kollegen zu helfen. Er ist bereits ein sehr guter Spieler, aber er kann, wenn er diese Dinge beherzigt, ein noch größerer werden.

FBL-GER-BUNDESLIGA-DORTMUND-COLOGNE
Lucien Favre gibt Erling Haaland vor der Einwechslung taktische Anweisungen
Quelle: AFP via Getty Images/INA FASSBENDER
WELT AM SONNTAG: Ist Erling Haaland mit seiner Professionalität ein Traum für jeden Trainer?

Favre: Er ist sehr ehrgeizig, das gefällt mir total. Aber auch für Erling gilt: Er ist noch sehr jung, er muss noch viel lernen. Diesen Willen hat er aber, insofern, ja, macht es viel Spaß, mit ihm zu arbeiten und ihm dabei zu helfen, ein Spieler mit einem sehr hohen Wert für seine Mannschaft zu werden. Und damit meine ich nicht nur die Anzahl der Tore, die er als Stürmer schießt, sondern auch, wie er beim Verteidigen hilft.

WELT AM SONNTAG: Hat ein Trainer eine besondere Verantwortung, wenn er so viele junge Spieler in seiner Mannschaft hat?

Favre: Das ist klar. Wir fordern viel von diesen Spielern. Aber sie brauchen Zeit um zu verstehen, was es heißt, ein richtiger Profi zu sein. Das müssen wir akzeptieren. Das ist eine Entwicklung. Nehmen Sie einen Topspieler wie Serge Gnabry – er hat fünf, sechs Jahre gebraucht, bis er auf diesem Niveau angekommen ist. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich mit 17, 18 Jahren war – oh, là, là. Ich war ein Enfant terrible. Es hat gedauert, bis es bei mir Klick gemacht hat und ich verinnerlicht habe, was es bedeutet, Profi zu sein. Aber das ist normal. Der Einfluss, den die Jungen von den Trainern oder den erfahrenen Mitspielern bekommen, ist sehr wichtig. Wenn sie sehen, wie sich ein Lukasz Piszczek oder ein Marco Reus auf Spiele vorbereiten, wie professionell sie sich mental vorbereiten – dann ist das für sie wertvoll.

WELT AM SONNTAG: Sie sind in den wilden Siebzigern bei Lausanne Sports Profi geworden. Wie war das damals?

Favre: Es war eine ganz andere Zeit. Das, was wir damals teilweise gemacht haben, wäre heute unmöglich. Wir sind mit der ganzen Mannschaft zusammen in eine Diskothek gegangen und haben bis fünf Uhr gefeiert. Das können Sie heute vergessen, nicht nur wegen der Gefahr durch das Coronavirus. Es wäre allein schon wegen der physischen Belastungen, denen die Profis ausgesetzt sind, nicht mehr möglich. Die Jungs müssen oft dreimal pro Woche spielen. Das war bei uns anders. Ich erinnere mich noch, wie wir im Trainingslager bis morgens gefeiert haben und dann mehr oder weniger direkt zum Lauftraining erschienen sind. Auf dem Weg dahin habe ich unseren Torwart im Aufzug getroffen, er war noch angetrunken und hat eine Blume geraucht. Es war eine ganz andere Welt!

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Panini-Bild aus den 70er-Jahren: der noch nicht ergraute Favre
Quelle: privat
WELT AM SONNTAG: Das hört sich fast so an, als würden Sie es sich wünschen, dass Ihre Spieler solch eine Erfahrung auch einmal machen können.

Favre: Es wäre tatsächlich gut, wenn sie sich manchmal treffen könnten, um ein wenig zu feiern. Denn an einem Abend, der etwas länger dauert, könnten sie sich besser kennenlernen, als wenn sie drei Monate zusammen trainieren würden. Es ist ja auch Teambuilding, wenn man zusammen eine außergewöhnliche Geschichte erlebt. Aber das geht nicht mehr. Denn die heutigen Spieler stehen ständig unter Beobachtung. Irgendjemand macht immer ein Handyfoto und postet es – und schon ist der Skandal perfekt.

WELT AM SONNTAG: Bedauern Sie die heutige Spielergeneration manchmal? Einige Profis scheinen ja regelrecht süchtig nach Präsenz in den sozialen Netzwerken zu sein.

Favre: Ja, das ist eine Gefahr. Manche Klubs haben deshalb bereits ein Verbot von Smartphones und Tablets auf dem Trainingsgelände ausgesprochen. Sie haben recht: Es ist eine Sucht, viele Spieler sind süchtig nach Social Media – übrigens nicht nur die jungen. Und das ist nicht gut – definitiv auch nicht für die Gesundheit: Wenn du dich noch sehr spät abends damit beschäftigst, geraten deine Schlafgewohnheiten durcheinander. Und wenn du nicht gut schlafen kannst, kannst du auch nicht gut trainieren.

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WELT AM SONNTAG: Ein Großteil der heutigen Profis wurde in den Nachwuchsleistungszentren ausgebildet. Sie werden taktisch intensiv geschult – aber auch auf das wirkliche Leben vorbereitet?

Favre: Sie lernen dort tatsächlich sehr viel, aber sie bezahlen auch einen Preis dafür. Dort wird alles dem Ziel, Fußballprofi zu werden, untergeordnet. Auch dies hat sich komplett gewandelt gegenüber der Zeit, als ich angefangen habe, Fußball zu spielen.

WELT AM SONNTAG: Hatten Sie denn als kleiner Junge nicht auch das Ziel, Profi zu werden?

Favre: Nein, überhaupt nicht. Ich stamme aus Saint-Barthelémy, einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Waadt. Dort konnte man als Acht-, Neunjähriger nicht viel anderes machen, außer Sport zu treiben: Wir haben jeden Tag Fußball gespielt, im Winter Eishockey. Aber das Ziel, Profi zu werden, ist bei mir erst peu à peu entstanden, ganz ohne Druck. Jetzt ist das komplett anders: Die Talente verlassen ihre Familien sehr, sehr früh – teilweise mit 14 oder 15 Jahren. Ich habe kürzlich die Geschichte von Nathan Aké gelesen, einem niederländischen Innenverteidiger, der aus der Nähe von Den Haag stammt. Er wechselte mit 15 zu Feyenoord Rotterdam. Dann zum FC Chelsea, wurde mehrfach ausgeliehen. Dann wurde er zum FC Bournemouth verkauft. Jetzt ist er 25 und wechselte in diesem Sommer für 45 Millionen Euro Ablöse zu Manchester City. Er hat es geschafft: Er spielt bei einem absoluten Topklub. Aber ich frage mich: Was hatte er für eine Kindheit, wie sah sein Familienleben aus? Ich hätte das als junger Spieler damals nicht auf mich genommen.

Bildschirmfoto 2020-08-15 um 15.46.46_
Saint-Barthelémy liegt nördlich von Lausanne
Quelle: google maps
WELT AM SONNTAG: Sie sind mit Borussia Dortmund, einer deutschen Spitzenmannschaft, zweimal Vizemeister geworden und gehen mit ihr nun ins dritte Jahr. Ist der BVB noch kein internationales Spitzenteam, weil es zu viele junge Spieler gibt, denen noch Erfahrung fehlt?

Favre: Nein. Das wäre als Erklärung viel zu einfach.

WELT AM SONNTAG: Was fehlte denn – unabhängig von der Stärke des FC Bayern – in der vergangenen Saison, um Meister zu werden?

Favre: Neben der Tatsache, dass uns mit Marco Reus unser Kapitän und Anführer nahezu die gesamte zweite Saisonhälfte ausgefallen ist, fehlte vor allem Stabilität. Um Meister zu werden, musst du die meisten Tore schießen, aber du musst auch die wenigsten Tore bekommen. Eine Mannschaft, die ganz oben stehen will, darf in 34 Meisterschaftsspielen, sagen wir mal, maximal 26 bis 28 Gegentore bekommen. Wir haben in meiner ersten Saison 44 Tore kassiert, in meiner zweiten 41. Wir spielen sehr, sehr offensiv. Auch unsere Abwehrspieler sind sehr offensiv orientiert. Manchmal spielen wir auch zu kompliziert. Wir müssen intelligenter spielen – vor allem intelligenter verteidigen.

WELT AM SONNTAG: Was verstehen Sie darunter?

Favre: Ein Beispiel: Wir bekommen eine Ecke gegen uns. Wir verteidigen die Ecke gut. Dann machen wir einen Befreiungsschlag – und denken manchmal, dass die Sache damit erledigt ist. Aber wir müssen weiter verteidigen – und nicht nur die Abwehrspieler, sondern alle zehn Feldspieler. Ein anderes Beispiel. (Favre steht auf, verlässt den Tisch, und simuliert einen Ballverlust, er gestikuliert) Wir verlieren den Ball zwanzig Meter in der gegnerischen Hälfte, an der Seitenauslinie. Der Gegner kontert, zwei unserer Spieler laufen mit dem ballführenden Spieler mit, lassen ihn sich drehen und flanken – das ist unmöglich! Das ist eine Frage der Spielintelligenz. (Favre kehrt zum Tisch zurück und setzt sich wieder hin) Ich spreche das oft an. Und ich rede jetzt nicht von unserer Abwehr, sondern von der gesamten Mannschaft.

WELT AM SONNTAG: Es mangelt also in bestimmten Momenten an Konzentration?

Favre: Nein, fehlende Konzentration trifft es nicht. Auch das wäre zu einfach. Es hat auch nichts mit fehlender Mentalität zu tun, obwohl Mentalität schon sehr wichtig ist. Es geht darum, wach zu sein, gemeinsam zu verteidigen. Das müssen wir in bestimmten Momenten noch besser machen. Wenn wir einen Konter kriegen und einer aus der Abwehr fehlt, weil er sich mit in den Angriff eingeschaltet hat, dann brauchst du einen Mittelfeldspieler, der mit zurückkommt. Wenn das nicht passiert, dann geht der Gegenspieler allein auf unser Tor zu. Du musst als Spieler erkennen, wann du dich zurückfallen lassen musst. Und du musst geduldig sein. Wir fordern immer: Pressing, Pressing, Pressing. Aber wenn ein Spieler nur halbherzig ins Pressing geht oder nicht erkennt, dass es schon zu spät ist, um ins Pressing zu gehen, dann ist das tödlich. Deshalb rede ich lieber von Spielintelligenz, als von Konzentration oder Mentalität.

WELT AM SONNTAG: Die Taktgeber sind die zentralen Mittelfeldspieler. Der BVB hat im vergangenen Winter Emre Can verpflichtet, auch um die Mannschaft zu führen. Ist er ein Spieler, der das Team in die Balance bringen kann?

Favre: Das würde mich freuen. Die Mittelfeldspieler müssen immer bereit sein, das Spiel zu antizipieren. Sie müssen nicht nach vorne marschieren. Sie müssen bereit sein, den Ball zu erobern, zu verteidigen oder ihn aufzunehmen. Wenn ein Mittelfeldspieler aber nicht mehr in Bewegung ist, dann kann er auch nicht mehr auf diesem Niveau spielen. Im modernen Fußball geht alles viel schneller. Deshalb musst du immer in Bewegung bleiben. Du musst das Spiel gut lesen können. Deine Ballannahme muss top sein.

WELT AM SONNTAG: Mit Bellingham haben Sie einen Spieler dazu bekommen, der sowohl strategische Fähigkeiten als auch körperliche Robustheit vereinigt. Kann er dem BVB weiterhelfen?

Favre: Bellingham hat die Fähigkeit, im richtigen Moment nach vorne zu stoßen. Er hat ein gutes Auge für die Situation, er weiß, wann er nach vorne gehen kann, wann sich ein Raum öffnet. Er kann auch Bälle erobern, er hat ein gutes Tackling. Natürlich: Er ist erst 17 und muss noch lernen. Aber er ist in der Lage, sich auch zu behaupten, wenn das Spiel extrem schnell wird. Bellingham spielt eine wichtige Position. Das zentrale Mittelfeld ist das Herz der Mannschaft.

Germany Soccer Bundesliga
Favre leitet das Training im schweizerischen Bad Ragaz
Quelle: AP/Martin Meissner
WELT AM SONNTAG: Bellingham ist jung und frisch. Andersherum gefragt: Ist das Spiel mittlerweile so schnell und dynamisch geworden, dass bereits Spieler mit Anfang 30 Schwierigkeiten haben, das Tempo mitzugehen?

Favre: Wenn du Anfang 30 bist, musst du noch härter trainieren, um den Anforderungen noch standhalten zu können. Du musst Ausdauer, Power haben. Du musst vor allem physisch an dir arbeiten, sonst hast du keine Chance mehr. Dann ist es vorbei. Aber wenn du wie Piszczek, der mittlerweile 35 Jahre ist, extrem hart an dir arbeitest, dann kannst du auch, wie er in der vergangenen Saison, 38 Pflichtspiele absolvieren. Aber das ist fast die Ausnahme, geradezu ein Wunder. Ich glaube nicht, dass es viele Rechtsverteidiger gibt, die in diesem Alter noch auf diesem Niveau spielen können.

WELT AM SONNTAG: Was trauen Sie dem BVB in der kommenden Saison zu?

Favre: Wir werden in der kommenden Saison ohne Ende englische Wochen haben. Die Herausforderung wird sein, alle drei Tage mental bereit zu sein und sich immer wieder zu sagen: Heute ist wichtig, heute ist wichtig – und heute auch und heute schon wieder. Der Terminplan wird so eng sein wie noch nie. In sieben Wochen spielen wir sechs Champions League-Spiele – vom 20. Oktober bis zum 7. Dezember. Das ist verrückt. Deshalb brauchen eigentlich alle Mannschaften zwei nahezu gleich gute Mannschaften.

WELT AM SONNTAG: Der Verein hat kein Saisonziel nach außen formuliert. Im letzten Jahr hatte der BVB gesagt, Deutscher Meister werden zu wollen. Sie hatten damals zwar gesagt, dass sie das Ziel mittragen, aber wirkten nie so recht davon überzeugt. Was ist eigentlich so schlimm daran, sich öffentlich ein Ziel zu setzen?

Favre: Zunächst: Wir hatten nicht gesagt, wir müssen Meister werden. Wir hatten gesagt: Wir wollen alles versuchen, um Deutscher Meister zu werden. Das ist ein Unterschied. Es wurde jedoch schnell anders interpretiert. Aber wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen: Warum konnten wir in den direkten Duellen mit den Bayern zweimal nicht gewinnen?

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WELT AM SONNTAG: Ist hier der – zugegeben etwas pauschale – Begriff Mentalität dann tatsächlich einmal angebracht?

Favre: Nennen Sie es, wie Sie wollen – am Ende geht es darum, dass alle Spieler alles zu geben bereit sind. Sonst wird es sehr, sehr schwer.

WELT AM SONNTAG: In Dortmund gibt es eine große Sehnsucht, erstmals nach 2012 wieder Meister zu werden. Ist dieser Wunsch eher Ansporn oder Belastung, weil daraus Druck erwächst?

Favre: Ich fürchte keinen Druck und spüre auch keinen. Du brauchst einfach eine stabile und starke Mannschaft, die konstant auf höchstem Niveau spielt. Damals gab es mit Neven Subotic und Mats Hummels zwei gute, sehr junge Innenverteidiger, auf den Außenverteidigerpositionen gab es mit den jungen Piszczek und Schmelzer zwei Maschinen. Du hattest im Mittelfeld zwei Killer und vorne sehr gute Spieler: Mario Götze war damals wie Messi, und über Robert Lewandowski müssen wir gar nicht erst reden. Du brauchst als Trainer Zeit, eine Mannschaft aufzubauen. Aber das ist heutzutage nicht mehr ganz so einfach. Und: Bayern war zu der Zeit auch nicht so stark wie heute!

SC Freiburg - Borussia Dortmund
Favre und Götze, der Borussia Dortmund verlassen hat
Quelle: dpa/Patrick Seeger
WELT AM SONNTAG: Das französische Sportmagazin L‘Équipe zählt sie zu den zehn einflussreichsten europäischen Trainern. In Deutschland wird über Sie jedoch oft gesagt, dass Sie kein Trainer sind, der eine Meistermannschaft formen kann. Ärgert Sie das?

Favre: Ich bleibe ruhig, weil ich mit mir im Reinen bin. Ich weiß, was ich kann und habe mit dem FC Zürich auch bereits bewiesen, dass ich mit einer Mannschaft Meister werden kann, die damals nun wirklich nicht zu den Favoriten zählte. In Deutschland bin ich dreimal zum „Trainer des Jahres“ gewählt worden, mit Hertha und zweimal mit Gladbach. Über die Wertung Ihrer französischen Kollegen habe ich mich gefreut. Aber bessere Resultate zu erzielen, als wir sie in den vergangenen beiden Spielzeiten mit dem BVB erzielt haben – das ist schwer. Manchmal sind wir auch ein wenig arrogant, wenn wir nur über die Bayern und den BVB reden. Ja, das sind zwei sehr gute Mannschaften. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch die anderen Mannschaften gut sind. Schauen Sie sich Borussia Mönchengladbach an: Sie haben Thuram, Pléa, Embolo, Neuhaus, Stindl und Zakaria – das ist ein Topteam. Genauso wie die Leipziger, die nun ins Halbfinale der Champions League eingezogen sind, und auch Leverkusen.

Fußball - FC Zürich Mannschaftsfoto 2006
Favre (mittlere Reihe, Zweiter von rechts) 2006 mit seiner Mannschaft vom FC Zürich
Quelle: pa/dpa/Keystone Eddy Risch
WELT AM SONNTAG: Warum werden Sie nie laut, wenn Sie so hart kritisiert werden wie in den vergangenen zwei Jahren?

Favre: Ich kann niemanden hassen. Ich bin so. Ich rege mich nicht auf, ich konzentriere mich lieber auf die Dinge, die ich mit meiner Arbeit beeinflussen kann.

WELT AM SONNTAG: Von ihnen stammt der Satz: „Wenn ich mit jemandem ein Problem habe, dann muss der schon sehr viele Probleme mit anderen haben.“ Haben Sie derzeit mit irgendjemandem ein Problem?

Favre: Da fällt mir niemand ein. Ich respektiere alle Menschen. Auch Journalisten (lacht).

WELT AM SONNTAG: Ihr Vertrag mit dem BVB läuft zum Ende der kommenden Saison aus. Würden Sie gerne auch ein viertes Jahr in Dortmund arbeiten?

Favre: Warum nicht? Aber das Thema hat derzeit keine Priorität.

FBL-ENG-PR-CRYSTAL PALACE-TOTTENHAM
Kein Vorbild für Favre: der 73 Jahre alte Roy Hodgson
Quelle: AFP/IAN WALTON
WELT AM SONNTAG: Wie lange wollen Sie noch als Trainer arbeiten?

Favre: Nicht mehr Ewigkeiten. Ich möchte nicht mehr mit 70 auf der Bank sitzen. Wenn ich mir vorstelle, dass Roy Hodgson noch mit 73 Jahren Crystal Palace trainiert – das ist verrückt. Ab 70 bist du ein alter Mensch. Und das wichtigste ist die Familie und die Gesundheit. Wir sagen das so leicht: Bleib gesund! Aber gerade in diesen Zeiten von Corona wird uns bewusst, dass das doch viel mehr als nur ein Spruch ist.

WELT AM SONNTAG: Haben Sie noch einen Traum, den Sie sich als Trainer verwirklichen wollen – vielleicht die Deutsche Meisterschaft?

Favre: (lacht) Keinen Traum, eher einen Wunsch. Aber wir müssen auch realistisch bleiben – und an uns arbeiten, um unsere Träume womöglich verwirklichen zu können.

WELT AM SONNTAG: Geben Sie uns ein Beispiel?

Favre: Gerade arbeiten wir daran, wieder wie alle großen Mannschaften der Welt mit Viererkette defensiv stabil stehen zu können.
"Wenn jemand sagt, der FCZ sei kein Spitzenclub, habe ich Mühe, weiter zu diskutieren."
Ancillo Canepa

Stogerman.
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon Stogerman. » 25.08.20 @ 11:51

Wow, diese Kompetenz und Bodenständigkeit ist toll. Ist die Lektüre wert.

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Demokrit
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon Demokrit » 25.08.20 @ 14:20

Merciiiii beaucoup!!!!
Die Kritik an anderen hat noch keinem die eigene Leistung erspart. Noël Coward, britischer Dramatiker (1899 - 1973)

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Sektor D
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon Sektor D » 25.08.20 @ 14:57

Stogerman. hat geschrieben:Wow, diese Kompetenz und Bodenständigkeit ist toll. Ist die Lektüre wert.

+1

Grande Lucien!
In addition, credo quod Basilee habet destrui. (o.V.)

«Nein. Diese Frage langweilt mich!» by A.C. /14.09.2020

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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon schwizermeischterfcz » 26.08.20 @ 20:45

Piu mit Vanins im Torhütertrainer-Kurs

Köbi für immer

Kollegah
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Re: Unsere Ehemaligen...

Beitragvon Kollegah » 26.08.20 @ 21:30

Dave hat geschrieben:


Voila

Lucien Favre steht vor der Frage, wie er die Bayern stoppen soll. Und das mit einer blutjungen Mannschaft. Der BVB-Trainer wehrt sich gegen den Vorwurf, er könne keine Titel gewinnen, und gibt tiefe Einblicke in seine Arbeit.
17

Es gibt einige Klischees in Bezug auf Lucien Favre – die meisten stimmen nicht. Aber das vom verkopften Trainer, dem es an Temperament fehlt, ist am weitesten von der Wirklichkeit entfernt. Im Schweizer Kurort Bad Ragaz, wo Favre derzeit mit Borussia Dortmund das Trainingslager absolviert, nahm sich der Schweizer (62) für WELT AM SONNTAG viel Zeit, um über Fußball, den schwierigen Umgang mit jungen Stars und die Lehren des Lebens zu sprechen: Favre tat es mit viel Leidenschaft – und teilweise vollem Körpereinsatz.

WELT AM SONNTAG: Herr Favre, ab welchem Alter ist ein Spieler reif genug für Spitzenfußball?

Lucien Favre: Das ist keine Frage des Alters. Pelé wurde 1958 mit 17 Weltmeister, Kylian Mbappé ist vor zwei Jahren mit 19 Weltmeister geworden. Pelé war damals als 17-Jähriger auf diesem Topniveau sicher eine absolute Ausnahme – Mbappé vor zwei Jahren als 19-Jähriger schon nicht mehr so. Die Tendenz geht dahin, dass die Jungs schon viel früher zu den Profis stoßen. Und einige von ihnen erreichen auch schon viel früher Topniveau.

WELT AM SONNTAG: In Ihrer Mannschaft gibt es mit Jude Bellingham (17), Gio Reyna (17), Mateu Morey (20), Jadon Sancho (20) und Erling Haaland (20) gleich eine ganze Reihe von extrem jungen Spielern. Youssoufa Moukoko, der ab November Bundesliga spielen kann, ist sogar erst 15. Fühlen Sie sich da nicht wie ein Kindergartenleiter?

Favre: (lacht). Wir sind tatsächlich ein wenig wie eine Schule. Aber das gefällt mir, denn es sind alles gute Jungs mit sehr viel Potenzial. Bellingham zum Beispiel ist zwar erst 17, aber er hat eine sehr große Präsenz, er hat in England schon zweite Liga gespielt. Und Reyna ist für sein Alter schon ein unglaublich cleverer Spieler. Haaland hat in Österreich Bundesliga und Champions League gespielt, bevor er zu uns kam. Der BVB sucht gezielt nach solch außergewöhnlichen Talenten. Und die Jungs wissen, dass sie hier eine Chance bekommen, sich zu entwickeln und zu spielen. Wir tun als Verein sehr viel für sie. Moukoko ist sicher vom Alter her eine absolute Ausnahme – Thorgan Hazard und Marco Reus könnten fast seine Väter sein (lacht).

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BVB UND FAVRE
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WELT AM SONNTAG: Durch die Bekanntgabe der Vertragsverlängerung mit Sancho bis 2023 und die Erklärung, dass er mindestens noch die kommende Saison in Dortmund bleiben wird, hat der BVB aufhorchen lassen. Wie froh sind Sie, mit ihm weiterarbeiten zu können?

Favre: Jadon ist ein guter Junge, und er hat tolle Fähigkeiten. Er hat sicher seinen eigenen Kopf, aber man kann auch Spaß mit ihm machen. Doch er muss auch noch einiges lernen. Das ist wichtig für seine und für unsere Zukunft. In bestimmten Situationen vergisst er noch, konzentriert zu verteidigen oder mit zurückzulaufen, um den Kollegen zu helfen. Er ist bereits ein sehr guter Spieler, aber er kann, wenn er diese Dinge beherzigt, ein noch größerer werden.

FBL-GER-BUNDESLIGA-DORTMUND-COLOGNE
Lucien Favre gibt Erling Haaland vor der Einwechslung taktische Anweisungen
Quelle: AFP via Getty Images/INA FASSBENDER
WELT AM SONNTAG: Ist Erling Haaland mit seiner Professionalität ein Traum für jeden Trainer?

Favre: Er ist sehr ehrgeizig, das gefällt mir total. Aber auch für Erling gilt: Er ist noch sehr jung, er muss noch viel lernen. Diesen Willen hat er aber, insofern, ja, macht es viel Spaß, mit ihm zu arbeiten und ihm dabei zu helfen, ein Spieler mit einem sehr hohen Wert für seine Mannschaft zu werden. Und damit meine ich nicht nur die Anzahl der Tore, die er als Stürmer schießt, sondern auch, wie er beim Verteidigen hilft.

WELT AM SONNTAG: Hat ein Trainer eine besondere Verantwortung, wenn er so viele junge Spieler in seiner Mannschaft hat?

Favre: Das ist klar. Wir fordern viel von diesen Spielern. Aber sie brauchen Zeit um zu verstehen, was es heißt, ein richtiger Profi zu sein. Das müssen wir akzeptieren. Das ist eine Entwicklung. Nehmen Sie einen Topspieler wie Serge Gnabry – er hat fünf, sechs Jahre gebraucht, bis er auf diesem Niveau angekommen ist. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich mit 17, 18 Jahren war – oh, là, là. Ich war ein Enfant terrible. Es hat gedauert, bis es bei mir Klick gemacht hat und ich verinnerlicht habe, was es bedeutet, Profi zu sein. Aber das ist normal. Der Einfluss, den die Jungen von den Trainern oder den erfahrenen Mitspielern bekommen, ist sehr wichtig. Wenn sie sehen, wie sich ein Lukasz Piszczek oder ein Marco Reus auf Spiele vorbereiten, wie professionell sie sich mental vorbereiten – dann ist das für sie wertvoll.

WELT AM SONNTAG: Sie sind in den wilden Siebzigern bei Lausanne Sports Profi geworden. Wie war das damals?

Favre: Es war eine ganz andere Zeit. Das, was wir damals teilweise gemacht haben, wäre heute unmöglich. Wir sind mit der ganzen Mannschaft zusammen in eine Diskothek gegangen und haben bis fünf Uhr gefeiert. Das können Sie heute vergessen, nicht nur wegen der Gefahr durch das Coronavirus. Es wäre allein schon wegen der physischen Belastungen, denen die Profis ausgesetzt sind, nicht mehr möglich. Die Jungs müssen oft dreimal pro Woche spielen. Das war bei uns anders. Ich erinnere mich noch, wie wir im Trainingslager bis morgens gefeiert haben und dann mehr oder weniger direkt zum Lauftraining erschienen sind. Auf dem Weg dahin habe ich unseren Torwart im Aufzug getroffen, er war noch angetrunken und hat eine Blume geraucht. Es war eine ganz andere Welt!

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Panini-Bild aus den 70er-Jahren: der noch nicht ergraute Favre
Quelle: privat
WELT AM SONNTAG: Das hört sich fast so an, als würden Sie es sich wünschen, dass Ihre Spieler solch eine Erfahrung auch einmal machen können.

Favre: Es wäre tatsächlich gut, wenn sie sich manchmal treffen könnten, um ein wenig zu feiern. Denn an einem Abend, der etwas länger dauert, könnten sie sich besser kennenlernen, als wenn sie drei Monate zusammen trainieren würden. Es ist ja auch Teambuilding, wenn man zusammen eine außergewöhnliche Geschichte erlebt. Aber das geht nicht mehr. Denn die heutigen Spieler stehen ständig unter Beobachtung. Irgendjemand macht immer ein Handyfoto und postet es – und schon ist der Skandal perfekt.

WELT AM SONNTAG: Bedauern Sie die heutige Spielergeneration manchmal? Einige Profis scheinen ja regelrecht süchtig nach Präsenz in den sozialen Netzwerken zu sein.

Favre: Ja, das ist eine Gefahr. Manche Klubs haben deshalb bereits ein Verbot von Smartphones und Tablets auf dem Trainingsgelände ausgesprochen. Sie haben recht: Es ist eine Sucht, viele Spieler sind süchtig nach Social Media – übrigens nicht nur die jungen. Und das ist nicht gut – definitiv auch nicht für die Gesundheit: Wenn du dich noch sehr spät abends damit beschäftigst, geraten deine Schlafgewohnheiten durcheinander. Und wenn du nicht gut schlafen kannst, kannst du auch nicht gut trainieren.

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Favre: Sie lernen dort tatsächlich sehr viel, aber sie bezahlen auch einen Preis dafür. Dort wird alles dem Ziel, Fußballprofi zu werden, untergeordnet. Auch dies hat sich komplett gewandelt gegenüber der Zeit, als ich angefangen habe, Fußball zu spielen.

WELT AM SONNTAG: Hatten Sie denn als kleiner Junge nicht auch das Ziel, Profi zu werden?

Favre: Nein, überhaupt nicht. Ich stamme aus Saint-Barthelémy, einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Waadt. Dort konnte man als Acht-, Neunjähriger nicht viel anderes machen, außer Sport zu treiben: Wir haben jeden Tag Fußball gespielt, im Winter Eishockey. Aber das Ziel, Profi zu werden, ist bei mir erst peu à peu entstanden, ganz ohne Druck. Jetzt ist das komplett anders: Die Talente verlassen ihre Familien sehr, sehr früh – teilweise mit 14 oder 15 Jahren. Ich habe kürzlich die Geschichte von Nathan Aké gelesen, einem niederländischen Innenverteidiger, der aus der Nähe von Den Haag stammt. Er wechselte mit 15 zu Feyenoord Rotterdam. Dann zum FC Chelsea, wurde mehrfach ausgeliehen. Dann wurde er zum FC Bournemouth verkauft. Jetzt ist er 25 und wechselte in diesem Sommer für 45 Millionen Euro Ablöse zu Manchester City. Er hat es geschafft: Er spielt bei einem absoluten Topklub. Aber ich frage mich: Was hatte er für eine Kindheit, wie sah sein Familienleben aus? Ich hätte das als junger Spieler damals nicht auf mich genommen.

Bildschirmfoto 2020-08-15 um 15.46.46_
Saint-Barthelémy liegt nördlich von Lausanne
Quelle: google maps
WELT AM SONNTAG: Sie sind mit Borussia Dortmund, einer deutschen Spitzenmannschaft, zweimal Vizemeister geworden und gehen mit ihr nun ins dritte Jahr. Ist der BVB noch kein internationales Spitzenteam, weil es zu viele junge Spieler gibt, denen noch Erfahrung fehlt?

Favre: Nein. Das wäre als Erklärung viel zu einfach.

WELT AM SONNTAG: Was fehlte denn – unabhängig von der Stärke des FC Bayern – in der vergangenen Saison, um Meister zu werden?

Favre: Neben der Tatsache, dass uns mit Marco Reus unser Kapitän und Anführer nahezu die gesamte zweite Saisonhälfte ausgefallen ist, fehlte vor allem Stabilität. Um Meister zu werden, musst du die meisten Tore schießen, aber du musst auch die wenigsten Tore bekommen. Eine Mannschaft, die ganz oben stehen will, darf in 34 Meisterschaftsspielen, sagen wir mal, maximal 26 bis 28 Gegentore bekommen. Wir haben in meiner ersten Saison 44 Tore kassiert, in meiner zweiten 41. Wir spielen sehr, sehr offensiv. Auch unsere Abwehrspieler sind sehr offensiv orientiert. Manchmal spielen wir auch zu kompliziert. Wir müssen intelligenter spielen – vor allem intelligenter verteidigen.

WELT AM SONNTAG: Was verstehen Sie darunter?

Favre: Ein Beispiel: Wir bekommen eine Ecke gegen uns. Wir verteidigen die Ecke gut. Dann machen wir einen Befreiungsschlag – und denken manchmal, dass die Sache damit erledigt ist. Aber wir müssen weiter verteidigen – und nicht nur die Abwehrspieler, sondern alle zehn Feldspieler. Ein anderes Beispiel. (Favre steht auf, verlässt den Tisch, und simuliert einen Ballverlust, er gestikuliert) Wir verlieren den Ball zwanzig Meter in der gegnerischen Hälfte, an der Seitenauslinie. Der Gegner kontert, zwei unserer Spieler laufen mit dem ballführenden Spieler mit, lassen ihn sich drehen und flanken – das ist unmöglich! Das ist eine Frage der Spielintelligenz. (Favre kehrt zum Tisch zurück und setzt sich wieder hin) Ich spreche das oft an. Und ich rede jetzt nicht von unserer Abwehr, sondern von der gesamten Mannschaft.

WELT AM SONNTAG: Es mangelt also in bestimmten Momenten an Konzentration?

Favre: Nein, fehlende Konzentration trifft es nicht. Auch das wäre zu einfach. Es hat auch nichts mit fehlender Mentalität zu tun, obwohl Mentalität schon sehr wichtig ist. Es geht darum, wach zu sein, gemeinsam zu verteidigen. Das müssen wir in bestimmten Momenten noch besser machen. Wenn wir einen Konter kriegen und einer aus der Abwehr fehlt, weil er sich mit in den Angriff eingeschaltet hat, dann brauchst du einen Mittelfeldspieler, der mit zurückkommt. Wenn das nicht passiert, dann geht der Gegenspieler allein auf unser Tor zu. Du musst als Spieler erkennen, wann du dich zurückfallen lassen musst. Und du musst geduldig sein. Wir fordern immer: Pressing, Pressing, Pressing. Aber wenn ein Spieler nur halbherzig ins Pressing geht oder nicht erkennt, dass es schon zu spät ist, um ins Pressing zu gehen, dann ist das tödlich. Deshalb rede ich lieber von Spielintelligenz, als von Konzentration oder Mentalität.

WELT AM SONNTAG: Die Taktgeber sind die zentralen Mittelfeldspieler. Der BVB hat im vergangenen Winter Emre Can verpflichtet, auch um die Mannschaft zu führen. Ist er ein Spieler, der das Team in die Balance bringen kann?

Favre: Das würde mich freuen. Die Mittelfeldspieler müssen immer bereit sein, das Spiel zu antizipieren. Sie müssen nicht nach vorne marschieren. Sie müssen bereit sein, den Ball zu erobern, zu verteidigen oder ihn aufzunehmen. Wenn ein Mittelfeldspieler aber nicht mehr in Bewegung ist, dann kann er auch nicht mehr auf diesem Niveau spielen. Im modernen Fußball geht alles viel schneller. Deshalb musst du immer in Bewegung bleiben. Du musst das Spiel gut lesen können. Deine Ballannahme muss top sein.

WELT AM SONNTAG: Mit Bellingham haben Sie einen Spieler dazu bekommen, der sowohl strategische Fähigkeiten als auch körperliche Robustheit vereinigt. Kann er dem BVB weiterhelfen?

Favre: Bellingham hat die Fähigkeit, im richtigen Moment nach vorne zu stoßen. Er hat ein gutes Auge für die Situation, er weiß, wann er nach vorne gehen kann, wann sich ein Raum öffnet. Er kann auch Bälle erobern, er hat ein gutes Tackling. Natürlich: Er ist erst 17 und muss noch lernen. Aber er ist in der Lage, sich auch zu behaupten, wenn das Spiel extrem schnell wird. Bellingham spielt eine wichtige Position. Das zentrale Mittelfeld ist das Herz der Mannschaft.

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Favre leitet das Training im schweizerischen Bad Ragaz
Quelle: AP/Martin Meissner
WELT AM SONNTAG: Bellingham ist jung und frisch. Andersherum gefragt: Ist das Spiel mittlerweile so schnell und dynamisch geworden, dass bereits Spieler mit Anfang 30 Schwierigkeiten haben, das Tempo mitzugehen?

Favre: Wenn du Anfang 30 bist, musst du noch härter trainieren, um den Anforderungen noch standhalten zu können. Du musst Ausdauer, Power haben. Du musst vor allem physisch an dir arbeiten, sonst hast du keine Chance mehr. Dann ist es vorbei. Aber wenn du wie Piszczek, der mittlerweile 35 Jahre ist, extrem hart an dir arbeitest, dann kannst du auch, wie er in der vergangenen Saison, 38 Pflichtspiele absolvieren. Aber das ist fast die Ausnahme, geradezu ein Wunder. Ich glaube nicht, dass es viele Rechtsverteidiger gibt, die in diesem Alter noch auf diesem Niveau spielen können.

WELT AM SONNTAG: Was trauen Sie dem BVB in der kommenden Saison zu?

Favre: Wir werden in der kommenden Saison ohne Ende englische Wochen haben. Die Herausforderung wird sein, alle drei Tage mental bereit zu sein und sich immer wieder zu sagen: Heute ist wichtig, heute ist wichtig – und heute auch und heute schon wieder. Der Terminplan wird so eng sein wie noch nie. In sieben Wochen spielen wir sechs Champions League-Spiele – vom 20. Oktober bis zum 7. Dezember. Das ist verrückt. Deshalb brauchen eigentlich alle Mannschaften zwei nahezu gleich gute Mannschaften.

WELT AM SONNTAG: Der Verein hat kein Saisonziel nach außen formuliert. Im letzten Jahr hatte der BVB gesagt, Deutscher Meister werden zu wollen. Sie hatten damals zwar gesagt, dass sie das Ziel mittragen, aber wirkten nie so recht davon überzeugt. Was ist eigentlich so schlimm daran, sich öffentlich ein Ziel zu setzen?

Favre: Zunächst: Wir hatten nicht gesagt, wir müssen Meister werden. Wir hatten gesagt: Wir wollen alles versuchen, um Deutscher Meister zu werden. Das ist ein Unterschied. Es wurde jedoch schnell anders interpretiert. Aber wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen: Warum konnten wir in den direkten Duellen mit den Bayern zweimal nicht gewinnen?

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WELT AM SONNTAG: Ist hier der – zugegeben etwas pauschale – Begriff Mentalität dann tatsächlich einmal angebracht?

Favre: Nennen Sie es, wie Sie wollen – am Ende geht es darum, dass alle Spieler alles zu geben bereit sind. Sonst wird es sehr, sehr schwer.

WELT AM SONNTAG: In Dortmund gibt es eine große Sehnsucht, erstmals nach 2012 wieder Meister zu werden. Ist dieser Wunsch eher Ansporn oder Belastung, weil daraus Druck erwächst?

Favre: Ich fürchte keinen Druck und spüre auch keinen. Du brauchst einfach eine stabile und starke Mannschaft, die konstant auf höchstem Niveau spielt. Damals gab es mit Neven Subotic und Mats Hummels zwei gute, sehr junge Innenverteidiger, auf den Außenverteidigerpositionen gab es mit den jungen Piszczek und Schmelzer zwei Maschinen. Du hattest im Mittelfeld zwei Killer und vorne sehr gute Spieler: Mario Götze war damals wie Messi, und über Robert Lewandowski müssen wir gar nicht erst reden. Du brauchst als Trainer Zeit, eine Mannschaft aufzubauen. Aber das ist heutzutage nicht mehr ganz so einfach. Und: Bayern war zu der Zeit auch nicht so stark wie heute!

SC Freiburg - Borussia Dortmund
Favre und Götze, der Borussia Dortmund verlassen hat
Quelle: dpa/Patrick Seeger
WELT AM SONNTAG: Das französische Sportmagazin L‘Équipe zählt sie zu den zehn einflussreichsten europäischen Trainern. In Deutschland wird über Sie jedoch oft gesagt, dass Sie kein Trainer sind, der eine Meistermannschaft formen kann. Ärgert Sie das?

Favre: Ich bleibe ruhig, weil ich mit mir im Reinen bin. Ich weiß, was ich kann und habe mit dem FC Zürich auch bereits bewiesen, dass ich mit einer Mannschaft Meister werden kann, die damals nun wirklich nicht zu den Favoriten zählte. In Deutschland bin ich dreimal zum „Trainer des Jahres“ gewählt worden, mit Hertha und zweimal mit Gladbach. Über die Wertung Ihrer französischen Kollegen habe ich mich gefreut. Aber bessere Resultate zu erzielen, als wir sie in den vergangenen beiden Spielzeiten mit dem BVB erzielt haben – das ist schwer. Manchmal sind wir auch ein wenig arrogant, wenn wir nur über die Bayern und den BVB reden. Ja, das sind zwei sehr gute Mannschaften. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch die anderen Mannschaften gut sind. Schauen Sie sich Borussia Mönchengladbach an: Sie haben Thuram, Pléa, Embolo, Neuhaus, Stindl und Zakaria – das ist ein Topteam. Genauso wie die Leipziger, die nun ins Halbfinale der Champions League eingezogen sind, und auch Leverkusen.

Fußball - FC Zürich Mannschaftsfoto 2006
Favre (mittlere Reihe, Zweiter von rechts) 2006 mit seiner Mannschaft vom FC Zürich
Quelle: pa/dpa/Keystone Eddy Risch
WELT AM SONNTAG: Warum werden Sie nie laut, wenn Sie so hart kritisiert werden wie in den vergangenen zwei Jahren?

Favre: Ich kann niemanden hassen. Ich bin so. Ich rege mich nicht auf, ich konzentriere mich lieber auf die Dinge, die ich mit meiner Arbeit beeinflussen kann.

WELT AM SONNTAG: Von ihnen stammt der Satz: „Wenn ich mit jemandem ein Problem habe, dann muss der schon sehr viele Probleme mit anderen haben.“ Haben Sie derzeit mit irgendjemandem ein Problem?

Favre: Da fällt mir niemand ein. Ich respektiere alle Menschen. Auch Journalisten (lacht).

WELT AM SONNTAG: Ihr Vertrag mit dem BVB läuft zum Ende der kommenden Saison aus. Würden Sie gerne auch ein viertes Jahr in Dortmund arbeiten?

Favre: Warum nicht? Aber das Thema hat derzeit keine Priorität.

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Kein Vorbild für Favre: der 73 Jahre alte Roy Hodgson
Quelle: AFP/IAN WALTON
WELT AM SONNTAG: Wie lange wollen Sie noch als Trainer arbeiten?

Favre: Nicht mehr Ewigkeiten. Ich möchte nicht mehr mit 70 auf der Bank sitzen. Wenn ich mir vorstelle, dass Roy Hodgson noch mit 73 Jahren Crystal Palace trainiert – das ist verrückt. Ab 70 bist du ein alter Mensch. Und das wichtigste ist die Familie und die Gesundheit. Wir sagen das so leicht: Bleib gesund! Aber gerade in diesen Zeiten von Corona wird uns bewusst, dass das doch viel mehr als nur ein Spruch ist.

WELT AM SONNTAG: Haben Sie noch einen Traum, den Sie sich als Trainer verwirklichen wollen – vielleicht die Deutsche Meisterschaft?

Favre: (lacht) Keinen Traum, eher einen Wunsch. Aber wir müssen auch realistisch bleiben – und an uns arbeiten, um unsere Träume womöglich verwirklichen zu können.

WELT AM SONNTAG: Geben Sie uns ein Beispiel?

Favre: Gerade arbeiten wir daran, wieder wie alle großen Mannschaften der Welt mit Viererkette defensiv stabil stehen zu können.

Seit Favre hatte ich nie wieder dieses spezielle Gefühl und Vertrauen bei einem Trainer. Auch bei einem Rückstand wusste man immer, dass man das Spiel gewinnen wird oder zumindest den Gegner so sehr in die eigene Platzhälfte drücken würde.

Eine Legende!


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