von Detlef von Doncaster am 09.10.08 @ 15:21
2. Teil:
Der Uhrzeiger tickt stetig in Richtung 15 Uhr, dem Spielbeginn. Wir werden es niemals zum Anpfiff ins Olympiastadion schaffen. Immer noch zieht die Landschaft des Latium vorbei, ehe wir endlich die ersten Häuser der römischen Vorstädte passieren. Um 15.12 Uhr fährt der Zug in den Bahnhof Roma Termini ein. Alles drückt und schiebt in Richtung der Ausgänge. Im Vorbeigehen sehen wir eine beschädigte Toilette und eine eingeschlagene Fensterscheibe im Zug. Der lange Bahnsteig füllt sich mit einer schier endlosen Masse an Ultras, ihr Frust über die nicht zufällig wirkenden Verzögerungen entlädt sich in einem ohrenbetäubenden Gesang: "Romano oohh, bastardo oooooohh", schallt es durch die Bahnhofshalle, in der Polizisten einen schmalen Kordon freigehalten haben, durch den wir jetzt sprinten - die Galerie und der restliche Bahnhof sind voll mit Schaulustigen und Touristen mit Kameras. Die Napoletani bieten ihnen eine große Show. "Bruciamo la capitale" ("Wir verbrennen die Hauptstadt"), singen sie, es bleibt aber bei der verbalen Aggression, vereinzelt werden Bengalen gezündet.
Draußen springen wir in einen der bereitgestellten Busse, dessen Kapazität bis aufs Äußerste ausgereizt wird. Mit Polizeieskorte setzt sich der Konvoi in Bewegung. Die iPhones werden gezückt und verkünden nichts Gutes. Aquilani hat die Roma in der 29. Minute in Führung geschossen und wird dafür verflucht. Auch der Chauffeur muss einiges über sich ergehen lassen. Als der Bus aufgrund der Überladung in einer Kurve beinahe umkippt, singen die Fahrgäste: "Se facciamo un incidente, muore solo il conducente" ("Wenn wir einen Unfall bauen, stirbst nur du"). Wir nehmen nicht den kürzesten Weg, sondern werden über die abgesperrte Stadtautobahn in Richtung Foro Italico geleitet. Unsere Wasserflasche wird entdeckt und nach sanfter Enteignung in Sekundenschnelle geleert. Flüssigkeit ist rar geworden, seit sechs Stunden gab es keine Möglichkeit mehr, an Nachschub zu gelangen. Kurz vor dem Olimpico ist die Fahrt dann zu Ende. Die Busse stehen im Stau, und die Fans öffnen die Türen. Die letzten paar hundert Meter hinunter zum Stadion werden im Laufschritt bewältigt.
Live im Schlachthof
Vor den Toren stauen sich die Massen. Auf dem von Mauern umgebenen Vorplatz herrscht eine Atmosphäre wie im Schlachthof. 2.000 Menschen müssen sich durch vier weniger als einen Meter breite Öffnungen quetschen. Im Wissen, dass die zweite Hälfte bereits begonnen hat, drängen alle nach vorne. Dass nichts passiert, ist der guten Organisation der Ultras zu verdanken. Von den Mauern aus wird zur Zurückhaltung aufgerufen, sobald die Schieberei zu arg wird. Hinter den Drehkreuzen warten Polizisten mit gezückten Schlagstöcken. Mit erhobenen Händen geht es durch die oberflächliche Kontrolle. Ob die Personalausweise auch mit den auf die Karten gedruckten Namen übereinstimmen, interessiert niemanden. Die aufwendige Kartenausgabe im Vorfeld war also eine nutzlose Schikane, doch es bleibt keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Wir rennen in den Auswärtssektor. Als wir das Innere des Olimpico keuchend erreichen, zeigt die Matchuhr bereits die 52. Minute an. Die Neuankömmlinge werden von den Individualreisenden, die das Spiel von Beginn an verfolgen durften, kurz begrüßt, dann wird der Support mit erhöhter Lautstärke fortgesetzt. Alle Qualen sind vergessen, jetzt gibt's nur noch eins: die Mannschaft zum Ausgleich schreien. Die Hingabe der Fans sorgt für Gänsehaut.
Auf dem Feld ist ebenfalls einiges los: In der ersten Aktion, die wir mitbekommen, holt sich Napoli-Verteidiger Santacroce eine Verwarnung, vier Minuten später wird er mit Gelb-Rot vom Feld geschickt. Seine Teamkollegen zeigen sich unbeeindruckt, vor allem der slowakische Mittelfeldregisseur Marek Hamsik und Ezequiel "Pocho" Lavezzi bereiten der Roma-Defensive immer wieder Probleme. Der Argentinier schiebt nach einem seiner berüchtigten Dribblings den Ball nur um Zentimeter am Tor vorbei, ehe nach einem Corner der Ausgleich fällt: Hamsik trifft per Kopf erst die Latte, um den Ball im zweiten Versuch über die Linie zu bugsieren.
Die Helden liegen sich vor der Napoli-Kurve in den Armen, der Block gerät in Ekstase. Zu Dutzenden erklettern die Fans die drei Meter hohe Absperrung oder pressen sich gegen das Plexiglas. 3.500 tobende Fans verleihen ihrer Liebe zum Verein Ausdruck und hüpfen zu "Chi non salta è un Romano". Von den Romanisti in der Curva Sud ist nichts zu hören. Es folgt eine Riesenchoreo der Napoli-Ultras mit dem Spruchband "57 giorni in cella, più 5 anni di diffida ..." ("57 Tage in der Zelle und dann fünf Jahre Stadionverbot") und mindestens 100 Transparenten, auf denen "Spie" ("Spion") zu lesen ist - eine Anspielung auf die Vorfälle in Montepulciano. Immer wieder werden Bengalen gezündet: Drei fliegen in Richtung der Roma-Fans in der benachbarten Curva Nord. Das Spiel wogt derweil hin und her, Lavezzi scheitert zweimal an Roma-Schlussmann Doni. Auch auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Hochkaräter, doch das Match endet 1:1. Die Napoli-Fans feiern, obwohl es wieder nichts geworden ist mit dem ersten Auswärtssieg bei der Roma seit 15 Jahren.
Prügelnde Cops, ruhige Capos
Nachdem die Mannschaft in den Katakomben verschwunden ist, macht sich Erschöpfung breit im Sektor. Die Leute setzen sich, drehen die nächsten Joints. Wir mustern die Menge: Frauen sind an einer Hand abzuzählen, mit Ausnahme von wenigen älteren Semestern sind die Fans zwischen 15 und 35 Jahre alt. Einige haben die Absperrungen überwunden und versorgen von der Laufbahn aus ihre Kollegen mit Wasser aus dem Feuerwehrhydranten. Flaschen werden hin und her geworfen. Ansonsten gibt es Wasser nur in den Toiletten, die Kioske im Auswärtssektor sind geschlossen.
Wieder beginnt eine Etappe des Wartens. Eine Einsatzabteilung blockiert die Ausgänge. Erst um 18.40 Uhr - fast zwei Stunden nach Matchende - öffnet sich die Polizeikette. Die Busse stehen bereit. Alles deutet auf eine schnelle Abfahrt hin, doch nach ein paar Metern ist schon wieder Schluss. Unter dem Vorwand, dass einzelne Türen nicht geschlossen werden können, weil Fans die Eingänge blockieren, stürmen Polizisten ins Fahrzeug und prügeln willkürlich auf die Passagiere ein. Ein 120-Kilo-Carabiniere schnappt sich den Burschen direkt neben uns und schleudert ihn gegen eine Haltestange. Den nächsten schlägt er mit der Faust ins Gesicht, dann kommt der Schlagstock zum Einsatz. Der Übergriff wird begleitet vom Kommentar "Ihr seid hier nicht in Neapel, wo ihr alles machen könnt", und findet erst ein Ende, als seine Kollegen und die restlichen Fans den Tobsüchtigen zur Mäßigung rufen.
Danach kehrt wieder Ruhe ein. Und als die Motoren der Busse abgestellt werden, ist klar, dass es länger dauern wird. Die stille Post per SMS hat Hochkonjunktur: Freunde in Neapel geben weiter, was sie in den Nachrichten hören. Erste Meldungen über enorme Zugschäden; eine angebliche Messerstecherei mit neapolitanischem Opfer, die sich später als unglücklicher Versuch entpuppt, über den Stadionzaun zu klettern; Auseinandersetzungen am Bahnhof. Wir haben noch keinen Roma-Fan zu Gesicht bekommen, scheinbar wollen sie uns aber doch noch an den Kragen. Von den Napoli-Fans ist keine Aggression mehr zu erwarten: Die Leute sind geschlaucht, ein Hydrant dient als einzige Wasserquelle, die angekündigte Versorgung durch den Zivilschutz bleibt aus. Die Capos rufen dazu auf, am Bahnhof nicht zu randalieren. "Wenn sich irgendwer erlaubt, den Mund aufzumachen, kriegt er es mit mir zu tun", bläut einer der Anführer den Jugendlichen ein.
Dann geht es los, diesmal auf kürzestem Weg, direkt durch die City. Attacken der Roma-Fans bleiben aus, obwohl sie leichtes Spiel gehabt hätten. Denn der Konvoi ist nur von wenig Polizei begleitet und wird immer wieder von Autos und Motorrollern überholt. Als wir um 21.45 Uhr vor Roma Termini vorfahren, ist alles friedlich. Von Straßenschlachten keine Spur, dafür jede Menge Polizei und Fernsehteams: Es kommt zu einigen Drohgebärden der Uniformierten, doch die Menge hält sich an die Losung der Capos. Ein letztes Gedränge. Wer keine Karte hat, kauft eine. Die Kontrollen sind lückenlos. Auf dem Bahnsteig stürzen sich die Fans auf die Automaten - es ist seit Besteigen des Zugs in Neapel vor 13 Stunden die erste Möglichkeit, Essen oder Getränke zu kaufen.
Zwei IC stehen zur Abfahrt bereit. Um 22.30 Uhr fährt der erste ab, 25 Minuten später der zweite. Bevor auch das Bordservice Feierabend macht, kaufen wir noch schnell ein überteuertes, warmes Bier und rufen Pasquale an, einen der Capos der Ultras aus der Curva B. Ob er sich die Strapazen auch angetan hätte, wenn er vorher davon gewusst hätte? "Das ist keine Frage einer angenehmen Reise", sagt Pasquale, "wir werden angetrieben von einer starken Leidenschaft. Ich würde auf jeden Fall wieder fahren." (Text: Jakob Rosenberg und Reinhard Krennhuber, Fotos: Reinhard Krennhuber)
Filipescu - Tararache - Ilie