Interessantes Interview heute in der NZZ:
http://www.nzz.ch/nachrichten/sport/fussball/verrueckte_wie_mich_fcz_ludovic_magnin_interview_1.10352729.htmlDer FCZ spielt am Montag im Schweizer Fussball-Cup gegen Xamax um den Einzug in den Final. Der Zürcher Verteidiger Ludovic Magnin sagt, weshalb er auf dem Platz «unmöglich» ist und ihm gelbe Karten egal sind.
Interview: fcl./ram.
Ludovic Magnin, der FCZ hat am Dienstag gegen die Young Boys mit einer sehr jungen Mannschaft gewonnen. Sie sind 32 Jahre alt, fühlen Sie sich manchmal alt, wenn Sie den Jungen zuschauen?
Im Fussball bin ich alt, aber im Leben bin ich noch jung. Es ist ein paradoxer Spagat, den ich jeden Tag machen muss. In der Kabine bin ich der Opa, den man um Rat fragt. Aber ausserhalb bin ich noch ein Anfänger im Privat- oder im Geschäftsleben. Es gefällt mir, dieses Gleichgewicht immer wieder zu finden.
Verstehen Sie, worüber die Jungen in der Kabine sprechen?
Sie haben einen anderen Wortschatz, als ich ihn gelernt habe, und sie diskutieren andere Themen. Ich bin dreifacher Familienvater. Aber sie halten mich frisch. Wenn ich ein Computerproblem habe, weiss ich, zu wem ich gehen muss.
Spüren Sie das Alter körperlich?
Ich fühle mich wohl, ich habe jetzt zwar eine Zerrung, aber der Körper funktioniert. Solange ich noch schneller bin als die Jungen, bleibe ich noch etwas.
Und sind Sie noch schneller?
Sie haben immer noch keine Chance. Das ist traurig, aber es ist so. (lacht)
Jetzt scherzen Sie.
Ich mache nicht immer nur Scherze. Manchmal sage ich auch die Wahrheit. Ich bin nicht der Schnellste in der Mannschaft, aber immer noch unter den schnellsten drei Spielern.
Als Fussballer pflegen Sie einen aufwendigen, sehr physischen Stil.
Die Natur hat mir die Möglichkeit gegeben, so zu spielen. Meine Physis war schon immer gut, und der Platz ist immer noch hundert Meter lang.
Werden die hundert Meter immer länger?
Sie werden nur länger, wenn wir den Ball verlieren. Deshalb ärgere ich mich manchmal. Aber wenn die Mannschaft gut funktioniert, habe ich genug Zeit, immer wieder zurückzurennen.
Als Sie zum FCZ kamen, sagte der Präsident Ancillo Canepa, Sie würden in Zürich bald zur Kultfigur werden. Ist Ihnen das gelungen?
Ich muss meine Aufgabe erfüllen, einen guten Job machen, den Jungen helfen, Titel gewinnen. Es ist mir egal, ob ich Kult bin oder nicht. Ich habe in meiner Karriere genug geleistet, ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Als ich gekommen bin, habe ich so viel Müll über mich lesen müssen. Aber ganz ehrlich, es interessiert mich nicht, was die Leute über mich denken.
Die Erwartungshaltung Ihnen als Bundesliga-Rückkehrer gegenüber war gross. Sie sollten das Klima verändern, weil der FCZ zu lieb war. Sie sollten mittelfristig Hannu Tihinen ersetzen, Kultfigur werden und nebenbei noch gut Fussball spielen.
Man muss bedenken, auf welcher Position ich Fussball spiele. Als linker Aussenverteidiger schiesst man normalerweise keine Tore, man ist kein Spielmacher. Aber immerhin habe ich in dieser Saison ein Tor erzielt und acht Vorlagen gegeben. Es gibt nicht viele Aussenverteidiger in der Liga, die das von sich sagen können.
Wir sprachen nicht nur von den Erwartungen auf dem Platz.
Wenn man als Retter zurückgeholt wird, hat man es schwer. Es kam dazu, dass ich nicht gut gespielt habe. Das war alles sehr viel für mich.
Haben Sie darunter gelitten?
Gelitten nicht, aber ich musste mich zusammenreissen. Ich war zehn Jahre im Ausland, ich war müde, ich hatte die Freude verloren. Beim FCZ habe ich sie wiedergefunden. Aber am Anfang war es nicht einfach. Ich spielte manchmal plötzlich nur noch vor tausend Zuschauern, das Niveau und der Rhythmus waren nicht mehr so hoch, wie ich es gewohnt war. Ich hatte mehr Platz, in Deutschland bekam in den Ball und wurde sofort von zwei Gegnern attackiert. Hier war alles etwas einfacher, irgendwann verliert man die Konzentration. Und dann macht man Fehler. Die Anpassung hat Zeit gebraucht.
Wie muss man sich das vorstellen?
Der Trainer Challandes hat mich damals tausendmal zu sich gerufen und mir gesagt, ich müsse ihm jetzt helfen. Ich hatte einen schweren Rucksack. Natürlich hatte ich gehofft, ich würde wie eine Bombe einschlagen. Aber mir ist es lieber so. Ich habe genug erlebt, wie Spieler am Anfang explodieren. Und dann passiert gar nichts mehr.
Ist Ihre Akzeptanz in der Mannschaft grösser geworden, nachdem Sie sich leistungsmässig hatten stabilisieren können?
Auch als es im letzten Jahr nicht gut lief, haben die Jungen gemerkt, dass ich nicht weniger trainiere als sie, dass ich keine Pausen oder irgendwelche Sonderbehandlungen bekomme.
Sie haben auf Sie gehört?
Sie hören sowieso nie zu (lacht). Im Ernst: Es ist schwieriger, ein Leader zu sein, wenn die Leistung auf dem Platz nicht stimmt. Wer gut spielt, hat es einfacher, Kritik zu äussern. Ich bin streng mit den Jungen, aber ich bin auch der Erste, der sie lobt. Ich bin gerecht. Ich schlage nicht auf sie ein, so wie ich es früher manchmal in der alten Schule noch erleben musste.
Ihnen muss niemand die Schuhe putzen?
Nein. Ich muss die Schuhe von Adrian Nikci putzen, und das mache ich gerne, weil ich eine Wette verloren habe.
Der FCZ wurde kritisiert, als er Sie verpflichtete. Es hiess, Sie würden den eigenen Jungen den Platz wegnehmen.
Wenn die Jungen den Konkurrenzkampf mit einem 32-Jährigen nicht annehmen, sollen sie gar nicht erst versuchen, ins Ausland zu gehen. Solange ich besser bin als ein Junger, habe ich es verdient zu spielen. Sobald wir gleichwertig sind, verstehe ich, wenn der Junge spielt. Wer behauptet, ich nähme einem Jungen den Platz weg, hat keine Ahnung von Fussball. Ein junger Spieler, der sich entwickeln und eine Karriere machen will, lernt am meisten von einem Routinier, bei dem er sich etwas abschauen kann. Es ist schön, dass wir immer die Jungen loben, das lese ich jeden Tag. Aber nur mit Jungen geht es nicht eine ganze Saison lang.
Hat der FCZ den ehemaligen Captain Hannu Tihinen ersetzen können?
Wir haben Tihinens Kopfschutz, mit dem er früher immer spielte, einfach Alexandre Alphonse weitergegeben (lacht). Aber das ist nicht ganz dasselbe. Tihinen ist unersetzbar. Er war ein phantastischer Captain. Auch im Ausland habe ich nie jemanden wie ihn erlebt. Ich hatte dort auch gute Captains, aber wie er sich um die Mannschaft gesorgt hat, war einzigartig.
Können Sie verstehen, dass sich die Leute aufregen, wenn Sie auf dem Platz immer so emotional sind, schimpfen wie ein Rohrspatz und herumfuchteln?
Das ist mir egal. Wenn ich nicht mehr so bin, höre ich auf. Ich bin extrovertiert, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, rege ich mich auf. Als Mannschaft sind wir oft sehr lieb. Ich sehe im Ausland oft, dass die Spieler gleich zu fünft oder sechst auf den Schiedsrichter losrennen. In diesen Fällen kann er nicht sechs gelbe Karten geben. Aber ich bin allein, deshalb ist es einfacher, mich zu verwarnen. Aber ich sage Ihnen, worüber ich mich aufrege.
Worüber?
Wenn jemand anonym und hinter meinem Rücken schlecht über mich spricht. Aber sobald dieser Jemand vor mir steht, traut er sich nicht mehr.
Sind Sie auch schon erschrocken über sich, als Sie sich selber nach einem Spiel am Fernsehen gesehen haben?
Nein, ich lache darüber. Und meine Kollegen lachen auch. Wenn ich schreie, habe ich ein unförmiges Gesicht und einen grossen Mund. Ich kann auf dem Platz unmöglich sein. Aber das ist mir absolut egal. Ich will gewinnen. Sobald ich nur ein Wort gegen den Schiedsrichter sage, sehe ich die gelbe Karte. Aber auch das ist mir egal. Dann werde ich halt drei, vier Mal gesperrt in einer Saison, das kümmert mich nicht. Aber ich bin auch fähig, mich zu drosseln, damit ich nicht hinausfliege. Den letzten Platzverweis hatte ich vor zehn Jahren, in der Bundesliga geschah das nie, im Nationalteam auch nicht.
Es gibt andere Spieler, die meinen, Sie müssten ihre Emotionen mit einem Mentaltrainer in den Griff bekommen.
Danke, dass Sie das ansprechen. Das geht mir so auf den Keks. Das alles führt dazu, dass wir keinen Charakter mehr haben. Schauen Sie sich die Mannschaften an: Alle sind schön in der Röhre, keine Piercings, keine Tattoos, keine langen Haare, man geht um zehn Uhr ins Bett, trinkt Wasser. Natürlich muss das manchmal so sein. Aber es gibt Zeiten, wo es erlaubt sein muss, jung und verrückt zu sein.
Das fehlt Ihnen heute im Fussball?
Die jungen Spieler sind heute technisch, taktisch und physisch besser ausgebildet als ich damals. Aber man tötet ihren Charakter, man schleift alle Ecken und Kanten, es gibt keinen Verrückten mehr. Ich höre immer wieder, wie man ihnen schon in der E-Jugend verbietet zu dribbeln. Aber was geschieht? Wir haben immer weniger Spieler, die den Unterschied ausmachen können. Was fehlt uns in der Nationalmannschaft?
Sagen Sie es uns!
Es fehlen uns schlaue Stürmer, kreative Spielmacher. Und weshalb? Weil sie viel zu früh in ein Korsett gezwängt werden. Ich sage immer, man solle ein Kind dribbeln lassen. Es lernt im Alter dann schon, wann es besser ist abzuspielen. Aber umgekehrt geht es nicht. Wer nie gelernt hat zu dribbeln und es nie wagt, etwas Verrücktes zu tun, kann es auch später nicht. Mit elf Magnins in einem Team geht es auch nicht. Das ist untragbar, ich weiss. Aber Verrückte braucht es im Fussball, Verrückte wie mich.